Bin ich wirklich ganz ich selbst?

(Von Traudel Theissler)

Eigentlich fühlen wir uns doch ganz gut, manchmal sogar in unserer Mitte, wären da nicht die hartnäckigen Beschwerden, die sich in immer in gleicher Weise zeigen und bevorzugt in „stressigen“ Zeiten auftauchen: Rücken- und Kopfschmerzen beispielweise, Magen-Darm-Beschwerden oder auch nur „die altbekannten Knieschmerzen“, die bereits mit vielfältigen Maßnahmen gut behandelt wurden und dennoch immer wiederkehren. Warum werden wir die nicht los?

Die Ursachen für ein solch wiederkehrendes Geschehen können verschiedenster Natur sein. Einer Möglichkeit, die leicht übersehen werden kann, ist die körperliche Fragmentierung.

In der Psychologie versteht man unter dem Begriff Fragmentierung die Dissoziation der Wahrnehmung oder allgemeiner gefasst: der Identität, des Selbst oder des Ichs einer Person. Der Begriff Dissoziation bezeichnet dabei das Auseinanderdriften von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen. Die Wahrnehmung, das Bewusstsein, das Gedächtnis, die Identität und die Motorik, aber auch Körperempfindungen können durch die dissoziative Abspaltung betroffen sein.

Ganzheitlich betrachtet lässt sich die Psyche nicht vom Körper trennen, d.h. auch der Körper kann verschiedene Anteile seiner selbst vorübergehend oder dauerhaft abspalten. Das geschieht meist durch unbewusst abgespeicherte oder überfordernde Erfahrungen und Erlebnisse. Jedes Organ und Körpersystem kann diese Abspaltung in Form einer differenzierten Symptomatik zum Ausdruck bringen. Oftmals sind diese Körperanteile dann in der Zeit und/oder in der Identität fragmentiert.

Zeitbezogene Fragmentierung kann sich etwa so äußern: Es kann ein Steißbein im sechsten Lebensjahr durch einen Sturz heftig gestaucht worden sein. Die Umstände waren während und auch nach dem Geschehen für den betroffenen Menschen völlig überfordernd. Dieses Unfalltrauma hat der Körper seitdem nicht loslassen können, sodass das Steißbein noch in dem im sechsten Lebensjahr erlittenen Schmerz verharrt, obwohl der gesamte Mensch bereits 52 Jahre alt ist. Hier zeigt sich dann eine zeitliche Fragmentierung, die zu Störungen führen kann, die sich nicht immer durch eine „sachgemäße“ manuelle Behandlung des Steißbeins beheben lassen. Das Unfalltrauma in seiner Gesamtheit, also mit den abgespeicherten Gefühlen und Gedanken in der damaligen Zeit, will möglicherweise gesehen werden und Beachtung finden, um so im Heute heilen zu können.

Die identitätsbezogene Fragmentierung bezieht sich auf etwas „Fremdes“ in uns, das wir aus unterschiedlichen Gründen in unserem Körper tragen. Das können beispielweise Gefühle, Themen oder auch Energien sein, die wir meist unbewusst aufgenommen haben. Jeder kennt sicherlich das Absinken der eigenen guten Laune, weil man mit einem anderen Menschen zu tun hatte, der sehr schlecht gelaunt war. Man „übernimmt“ sozusagen das fremde Gefühl für eine Zeitlang; dieses lässt sich meist aber wieder recht schnell abschütteln.

Es gibt aber auch Übernahmen, die man nicht so leicht wieder loswird, auch weil man sich einer Übernahme gar nicht wirklich bewusst ist. Beispielsweise können Gefühle oder körperliche Herausforderungen von der Mutter während deren Schwangerschaft übernommen werden und sich dann in bestimmten, noch im Entstehen begriffenen Körperbereichen des Kindes einprägen. So könnten wir Ängste der Mutter in unserer Milz, ihre übermäßige Anstrengung im Darm oder das Gefühl der Ablehnung in der rechten Schulter tragen, und das meist, ohne es zu wissen.

Aber der Körper erinnert sich.

Natürlich sind auch spätere Übernahmen möglich. Eine davon ist die identitätsbezogene Fragmentierung aus empathischen Gründen. So übernehmen wir etwa unbewusst das Hüftleiden des Vaters, in der Hoffnung, dass geteiltes Leid halbes Leid sein möge. Die Begründung für das eigene Hüftgeschehen wird dann oftmals in der „Vererbung“ gesehen. Das mag vielleicht auch hier und da stimmen, manchmal handelt es sich aber um eine Übernahme, die dann den eigenen Körper fragmentiert und weder dem Vater noch einem selbst dienlich ist.

Körperbereiche, in denen wir also zeitlich steckengeblieben oder nur teilweise selbst präsent sind, in denen sich also alte oder fremde Programme abspielen, können nicht wirklich ganz heilen, da sie unserer körperlichen Selbstheilungskraft nicht richtig zugänglich sind – denn Selbstheilungskraft benötigt das Selbst. Der Körper kann dann nur signalisieren, dass etwas nicht stimmt, aber er kann die zeitliche oder identitätsbezogene Blockade nicht vollständig überwinden.

Heilung bedeutet in diesen Fällen die Wiederherstellung von körperlicher und psychischer Kohärenz (Homogenität des Körpers und Geistes). Und genau das ist, was eigentlich jede Art von Heilung unterstützen möchte: Das Zurückfinden in die ureigene Identität oder auch Schwingung. Schwingen wir in unserem eigenen Rhythmus, finden wir zurück zu unserer eigenen Kraft und auch zurück ins Hier und Jetzt. Dann kann Heilung geschehen.

Es gibt sicherlich viele therapeutische Möglichkeiten, die verschiedenen Fragmentierungen anzugehen. Meine bevorzugte Methode ist die kinesiologische Testung. Sie ist, sorgfältig ausgeführt, präzise und unkompliziert. Mit ihrer Hilfe ist es meist möglich, Fragmentierungen festzustellen, sie zeitlich, wie auch auf ihre eigentliche Identität hin zuzuordnen. Ich schreibe meist, da es Fälle gibt, in denen die Fragmentierung von dem betroffenen Menschen noch „gebraucht“ wird und deshalb weder genau benannt, noch wirklich losgelassen werden kann. Hier gilt es, erst einmal andere blockierende Mechanismen ins Bewusstsein zu bringen.

Ist das Körpersystem aber bereit, Körperanteile in das Jetzt zurückzuholen und Übernahmen loszulassen, reicht in manchen Fällen schon das achtsame Feststellen und die Bewusstwerdung der Fragmentierung mit den dazugehörigen Umständen aus, um einen Heilprozess in Gang zu bringen. In anderen Fällen bedarf es weiterer Behandlungsschritte, die sich aber höchst individuell gestalten, sodass sich ein pauschaler Heilungsweg leider nicht beschreiben lässt. Doch auch hier ist es möglich, mithilfe der kinesiologischen Testung die individuell passende Therapie zu ermitteln. Meist sind es Behandlungsmethoden aus dem energiemedizinischen Bereich, die hier besonders wirksam sind.

Falls Sie selbst eine Form der Eigentestung beherrschen, etwa den Armlängentest oder eine andere Methode, die Sie schon sicher angewendet haben, dann können Sie folgende einfache Frage nutzen, um herauszufinden, ob bei Ihnen eine Fragmentierung vorliegt: „Ich bin ich – überall in mir“.

Zeigt ihr Körper ein Nein an, ist es ratsam, weiter zu forschen, ob mit oder ohne professionelle Unterstützung.

Der Weg zum Ganzwerden führt über die Klärung alter oder fremder Themen, erfordert Mut und Ehrlichkeit mit sich selbst und Anderen und den Wunsch nach echter Integrität und gelebter Authentizität. Das Auflösen von Fragmentierungen kann ein Schritt auf diesem Weg zu sich selbst sein. Mit der passenden Unterstützung ist er oftmals gar nicht so weit und schwer, wie vielleicht vermutet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute, viele spannende Erkenntnisse und auch Leichtigkeit auf Ihrem ureigenen Weg.

„Das, wonach du dich sehnst,
sehnt sich auch nach dir.“ (Rumi)

Herzlichst,

Traudel Theissler


Traudel Theissler

NATURHEILPRAXIS FÜR HOCHSENSIBLE UND TRAUMABERÜHRTE MENSCHEN

www.traudel-theissler.de

 

 

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