Das Täter-Opfer-Retter-Dreieck

(Von Violetta Hoffmann)

Zunächst eine kleine Anekdote:

Marie ist 38 Jahre jung und sehr sensibel. Sie verbringt ihre Freizeit am liebsten alleine zu Hause oder in der Natur. Sie hat keinen festen Freundeskreis, nur viele Bekannte, mit denen sie sich gelegentlich auf ein Glas Wein nach Feierabend trifft, nur um nicht als Eremitin bezeichnet zu werden. Dass ihre hohe Sensibilität ein natürliches Persönlichkeitsmerkmal ist, weiß sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Oft träumt sie davon, genauso unbeschwert durchs Leben zu gehen wie alle anderen Menschen auch.

Also arbeitet sie sehr viel an sich und ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Sie machte eine Therapie, die durch die Trennung ihrer letzten Beziehung ausgelöst wurde. Sie konnte ihren Ex-Freund einfach nicht loslassen und hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dass Marie sich in dieser Phase in einer unbewussten (Co-)Abhängigkeit befand, war ihr nicht klar.

Um von ihrem Liebesdrama ein bisschen Abstand zu gewinnen, unternahm sie eine einwöchige Seminarreise ans Meer. Dort hoffte sie auf gleichgesinnte Menschen und neue Kontakte. Gleich am ersten Tag lernte sie Sula kennen. Sula war eine sogenannte Heilerin. Marie war ganz begeistert von dem neuen Kontakt. Sula hatte versicherte, dass sie ganz außergewöhnliche heilerische Fähigkeiten hätte und ihr helfen könne. Die beiden tauschten Telefonnummern aus, um auch nach der Reise fest in Kontakt zu bleiben. Und so war es auch. Vor allem die ersten drei Wochen danach gab es viele Telefonate und Nachrichten. Die zwei trafen sich wieder und Marie bekam eine Heilsitzung angeboten, die sie natürlich in Anspruch nahm.

Die zwei hatten scheinbar viel gemeinsam und es schien wie eine göttliche Fügung. Marie hatte die große Hoffnung, jetzt endgültig geheilt (repariert) zu werden, und Sula freute sich, dass sie endlich jemanden retten konnte.

Marie war sich wieder nicht bewusst, dass sie geradewegs in die nächste (Co-)Abhängigkeit schlitterte.

Marie hatte schon viel aus ihrer jungen Vergangenheit aufgeräumt und fühlte sich jetzt bereit, in ein neues Leben zu starten. Bis sie eines Nachmittags mit Sula bei einem Kaffeeplausch saß und ihr ein bisschen von ihrem Leben erzählte. Sula gab ihr subtil, jedoch klar zu verstehen, dass noch viel Arbeit vor ihr liege und sie noch einiges zu heilen und aufzulösen hätte. In diesem Moment kam in ihr ein komisches und unbehagliches Gefühl hoch, das sie noch nicht richtig zuordnen konnte. Sie fühlte sich plötzlich nicht mehr wohl. Irgendwas war anders.

Als Marie am nächsten Morgen aufwachte, dämmerte es ihr plötzlich:  Das war ein (unbeabsichtigter) Übergriff. Schon wieder! Sula wollte sie unbewusst von sich abhängig machen, um ihr eigenes Bedürfnis, andere retten zu können, zu stillen. Marie hingegen wurde sich ihrer Opferrolle endlich bewusst. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr wurde klar, dass nicht andere ihre Seele retten können, sondern nur sie selbst …

An diesem kleinen Beispiel können wir nachvollziehen, wie schnell man in dieses Dreieck der Verstrickung von Täter-Opfer-Retter geraten kann.

  • Ex-Partner = Täter
  • Opfer = Marie
  • Retter = Sula

Das typische Muster: Beim ersten Kennenlernen entsteht eine (ungewöhnlich) hohe Begeisterung dem Anderen gegenüber. Man fühlt sich seelenverwandt und es kommen (neue) Hoffnungen auf, dass gewisse Bedürfnisse nun endlich erfüllt werden. Man denkt: „Endlich, endlich erkennt mich jemand, endlich fühle ich mich besser, endlich versteht mich jemand, endlich ist die Einsamkeit vorbei … „.

Nicht immer erwacht man so schnell wie Marie aus diesem Täter-Opfer-Retter-Dreieck.

Je eher man sich bewusst wird, in welcher Rolle man sich versehentlich befindet, desto schneller geht der Weg wieder heraus.

Ein guter Therapeut oder Freund wird dich immer unterstützen, dich in die Unabhängigkeit zu bringen.

Niemand sollte dir das Gefühl vermitteln, dich retten zu müssen.

Je eher man sich bewusst wird, in welcher Rolle man sich versehentlich befindet, desto schneller geht der Weg da raus. Genau durch solche Prozesse und Erkenntnisse wachsen wir letzten Endes. Denn der beste Helfer ist das Leben selbst. Und als Marie zu dieser Erkenntnis kam und ihr alles ganz glasklar wurde, wendete sich plötzlich alles ohne ihr Zutun zum Besseren. Vermutlich, weil sie keine Opfer-Energie mehr ausstrahlte.


Violetta Hoffmann, Mediale Mentorin für Hochsensible
www.violettahoffmann.com,  Autorin von
„Können Raupen fliegen lernen? Ein Kinderbuch auch für Erwachsene


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