Dünnhäutig – Fluch oder Segen?

(Von Ursula Yngra Wieland)

Was genau sind eigentlich die Anzeichen für Hochsensibilität? Sie kommt in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen einher. Bei dem einen zeigt sie sich als übergroßes Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug, bei der anderen ist es eine starke Wahrnehmung von Gerüchen, beim dritten zeigt es sich als Überempfindlichkeit von Geräuschen, grellem Licht oder Farben oder als Unwohlsein bei größeren Menschenansammlungen. Auch Unverträglichkeiten von Medikamenten oder Zellgiften wie Zucker, Alkohol, Kaffee oder Nikotin und sämtlichen anderen Drogen können Anzeichen für Hochsensibilität sein, ebenso wie übersteigertes Schmerzempfinden. Bei manchen kommt all das zusammen.

Viele Hochsensible fühlen sich weniger leistungsfähig, als die Gesellschaft es fordert und das zieht oft eine Spirale von gemindertem Selbstwertgefühl oder das Gefühl, nicht richtig zu sein, nach sich. Viele HSPs, die nicht wissen, dass sie HSPs sind, kämpfen gegen sich selbst, weil sie immer das Gefühl haben, nicht da sein zu wollen, wo sie gerade sind, weil sie Emotionen anderer und die eigenen zu stark empfinden, und deshalb auch intensive Erfahrungen oder viele Menschen auf einem Haufen nicht ertragen können. Für eine hochsensible Person ist ein Großraumbüro Gift und das Oktoberfest kommt ebenfalls einer Vergiftung gleich, so habe ich das jedenfalls empfunden, als ich vor vielen Jahren das letzte Mal dort war.

Für manche Hochsensible fühlt sich der Alltag schon an, wie eine überfüllte U-Bahn, Geräusche, Gerüche, Menschen – alles ist zuviel

Manchmal hat man das Gefühl, Wut, Angst oder Schmerz anderer fühlen zu können. Das ist verwirrend. Als unerkannte HSP versuchst du ständig mithalten zu können. Du gehst feiern bis in die Puppen, obwohl es dir nicht guttut, du trinkst Alkohol, weil du das Gefühl hast, du würdest etwas verpassen, wenn du nicht mit dem Strom schwimmst. Das passiert oft bei jungen Männern, die glauben, wenn sie nicht mithalten können beim Saufen, sind sie falsch. Dabei kann Schlimmes passieren. Hochsensible Männer haben generell ein noch größeres Problem, diese Tatsache zuzulassen. Süchte sind generell oft ein Thema bei Hochsensiblen, egal ob es um Medikamente, Drogen, Alkohol, Computer – oder Handysucht, Sex- oder Kaufsucht handelt. Damit versuchen sie, das Übermaß an Empfindungen wegzudrücken, aber ich sage euch, es hilft nicht. Entwickle ein Bewusstsein dafür und hole dir Hilfe, wenn Sucht auf dich zutrifft.

Wenn du es wagst, eine Befindlichkeit zu äußern, hörst du „du bist aber mimosenhaft“ oder „ein ganz schönes Nerverl bist du“. Das alles trägt nicht zum Wohlbefinden bei und vielleicht hast du als Kind schon oft den Satz gehört „stell dich nicht so an“. Du hast oft Kreislaufprobleme, Migräne, Übelkeit, frierst oder schwitzt schnell, bist ständig müde, bekommst Panikattacken und gehst über deine Grenzen, kurz, du hast immer das Gefühl, überfordert zu sein. Manchmal endet das im Burnout oder in einer Ärzteodyssee. Wer sich nun erkennt, tut gut daran, sich mit dem Thema zu befassen. Sehr oft erlebe ich in meiner Praxis, dass allein die Erkenntnis, was mit dem Menschen los ist, Erleichterung, Freude und Entspannung hervorruft. Endlich ist das Kind beim Namen genannt, damit kann man arbeiten und HSP kann aufhören, sein zu wollen, wie die anderen. Apropos Kind, Hochsensibilität kann vererbt werden, kann in der Kindheit entstehen, aber auch durch traumatische Erlebnisse oder Operationen hervorgerufen werden. Bei vielen HSPs entsteht oft schon in der Kindheit der Effekt, dass sich das Kind fühlt, als stünde es neben sich, wie eine Abspaltung, weil das, was auf das Kind einprasselt nicht ausgehalten wird. Grenzen sind bei hochsensiblen Kindern schneller erreicht, als bei anderen.

Manchmal steckt hinter Schulangst oder Schulbauchweh auch Hochsensibilität

Erinnert ihr euch, wie laut es in einer Schule ist? Kein Wunder, das ein hochsensibles Kind da nicht hinwill, finde ich. Kinder, die nicht zwischen den eigenen Gefühlen und denen anderer unterscheiden können, denken oft, sie sind falsch und andere nehmen sie ebenfalls als falsch wahr. Na toll, denkst du vielleicht, wenn du dich in dieser Beschreibung wiederentdeckt hast. Und was mache ich jetzt?

Der erste Schritt heißt, anzuerkennen, was ist. Ok. Ich bin anders, aber es gibt noch mehr von mir da draußen. Und warum ist es überhaupt erstrebenswert, zu sein wie alle? Verabschiede dich von diesem Konzept. Es hat durchaus auch Vorteile, HSP zu sein. Man ist feinfühliger, spüriger und emphatischer als andere, oft kann man Zusammenhänge schneller erfassen und danach handeln. Bei mir ist es ein sehr nützliches Tool für meine psychotherapeutische Arbeit, allerdings nur, weil ich gelernt habe, richtig damit umzugehen. Es ist essentiell, achtsam mit sich umzugehen und sich das zu erlauben. Wenn ich weiß, dass ich allergisch auf Erdbeeren reagiere, esse ich keine. Wenn ich weiß, dass ich hochsensibel bin und stark auf Geräusche reagiere, gehe ich nicht zu einem Punk-Rock-Konzert, auch nicht, wenn ich eingeladen werde. Es geht darum, deine Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen, die individuellen Neigungen anzuerkennen und zu befriedigen.

Akzeptiere dich, so wie du bist, nach dem Motto, „ich darf ich sein“

Ein HSP gleicht nicht dem anderen, daher ist es wichtig, deine persönlichen Wahrnehmungen zu beachten und gute Werkzeuge zu finden, um damit umgehen zu können und das Leben zu genießen. Natur heilt die meisten HSPs, also gehe so viel wie möglich an die frische Luft. Wenn du wählen kannst, wohne nicht mitten in einer Großstadt, sondern eher dort, wo es ruhiger ist. Achte darauf, dass du dich in deiner Haut und deinem Körper wohlfühlst. Es gibt eine Vielzahl an naturheilkundlichen Unterstützungsmöglichkeiten, die dir dabei helfen, dich wohl zu fühlen. Und da HSPs empfindsam reagieren, helfen diese Maßnahmen sehr gut und schnell. Atemtechniken sind beispielsweise ein unverzichtbares Tool.

Gib übergroße Verantwortung ab und übernimm lieber Verantwortung für dich. Halte dich dort auf, wo du sein möchtest. Trenne dich von Menschen, die dir nicht guttun, ja, auch das gehört dazu. Sprich mit deinem Partner oder deiner Partnerin, wenn du viel Rückzug und Zeit für dich allein brauchst, damit sie verstehen können, dass es nichts mit ihnen zu tun hat.

Welche Ressourcen unterstützen dich? Bau Resilienz auf und nutze täglich die Kraftquellen, die dir zur Verfügung stehen. Füge Schutz- und Reinigungsmaßnahmen zu deiner Tagesroutine hinzu – eine herrliche Erleichterung. Kreativität in jeder Form ist meistens sehr wohltuend für Hochsensible und die meisten sind richtig gut darin. Richte dich in deinem Leben so ein, dass du dich darin zuhause fühlst.

HSPs brauchen einen schützenden, gemütlichen Kokon, und jeder muss für sich herausfinden, welche Art von Kokon das sein soll, und wie man ihn herstellt.


 

Ursula Yngra Wieland
Phönixx Lebenscoaching
www.phoenixx.de

Autorin von „Eltern Ratgeber – Kinder selbstbewusst begleiten“

 

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