Hochsensibilität & Online-Dating

(Von Margot Steiner: Ein Erfahungsbericht über Online-Dating)

Zwanzig Jahre Beziehung endeten für mich hochsensibel klassisch im schmerzhaften Drama. Ich würde sagen, dass ich etwa zwei Jahre brauchte um diese Erfahrung zu verarbeiten und um zu verstehen, warum gerade ich so unter diesem Verlassenwerden litt, obwohl andere im Freundeskreis nach dem Beziehungs-Aus relativ schnell wieder Partner hatten und glücklich wirkten, während ich immer noch tieftraurig mit meinem Schicksal haderte.

Aber zum Glück nahm auch meine Trauerphase irgendwann ein Ende.

Vor ungefähr zwei Monaten machte mich Facebook auf ihre Dating-app aufmerksam und ich war ziemlich überrascht, wie hartnäckig meine Intuition drängte, mich zum Online-Dating anzumelden. Ich hatte keine Erfahrung mit Tinder & Co, was sollte ausgerechnet dort auf mich warten? Zur Erforschung dieser Frage nahm ich mir einen Abend Zeit und kam dabei zu einer überraschenden Erkenntnis: meine partnerschaftlichen Verletzungen geschahen durch Männer demnach durften auch Männer behilflich sein, diese Verletzungen wiedergutzumachen (das Wort Heilung mag ich grundsätzlich nicht so gerne, würde aber in diesem Zusammenhang stimmig sein).

Ich war schon erstaunt, dass meine Intuition für diese Mission das Werkzeug Online-Dating auswählte, aber gut.

Ich erstellte ein Profil und startete neugierig in das Flirt-Abenteuer. Für den vorerst nötigen Abstand sorgte die Einstellung „Entfernung“. Männer aus dem englischsprachigen Ausland schienen perfekt anonym, weit weg, nicht spontan greifbar. Interessanterweise rechtfertigte mein Verstand diese Entscheidung sofort mit kostenlosen Englisch Stunden – Win-Win sozusagen.

Es fühlte sich schnell aufregend und lebendig an, sich nach so vielen Jahren auf dieser mir fremd gewordenen Ebene zu unterhalten. Ich hatte ja keine Vorstellung mehr davon, welches Spektrum an Männlichkeit auf diesem Planeten existierte. Eine wunderbare, bunte Abenteuerlandschaft tat sich mir auf und ich probierte mich aus. Einige Wochen, viele Chats und nicht wenige fake accounts später wurde die Sache etwas langweilig, der nächste Schritt stand an. Ich nahm meinen Mut zusammen und änderte die Entfernungseinstellung auf „unter 100 km“. Damit kam Cedric ins Spiel. Ein sehr charmanter Franzose, der in meiner Nähe lebte. Wir chatteten und flirteten ungefähr eine Woche, als er mich anrief und ein Date in den nächsten Tagen vorschlug.

Meine Zusage war der Startschuss in einen für mich total unerwarteten Prozess.

Es schleuderte mich in ein Gedanken- und Gefühlschaos, wie ich es schon lange nicht mehr kannte. Alte, längst überwunden geglaubte Muster brachen auf und zeigten sich ziemlich erbarmungslos. Ich zweifelte tagelang an mir, meinem Körper, letztendlich an meiner gesamten Existenz. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, was ich tun könnte, damit er mich mochte. Irgendwann kam ich zu der vernichtenden Erkenntnis, dass ich sowieso nicht gut genug war. Mein Kopf wusste natürlich, dass das nicht stimmte, in meinem Herzen kam das nicht an. Ich war bis zum Date in einem höchst unangenehmen Dauerstress, der seinen Höhepunkt in superpeinlichen roten Flecken an Wangen und Hals hatte, als wir uns dann persönlich begegneten. Es brauchte eine halbe Stunde, um die Nervosität in den Griff zu bekommen, danach war es ein sehr angenehmes Gespräch, bei dem ich aber schon ahnte, dass sein Interesse an mir nicht sehr groß war.

Zu Hause angekommen machte sich eine unglaublich tiefe Leere und Traurigkeit breit: ich spürte, das große, heiß ersehnte JA zu mir bekam ich von ihm nicht.

Mein Neugeborenes-Ich (nach Luca Rohleder) sehnte sich nach Bedingungslosigkeit – und wurde bitter enttäuscht.

Heute, Tag drei nach dem Date hat sich mein Inneres schon weitgehend entspannt und beruhigt. Den Ausflug in die überlastete Phase meiner Hochsensibilität kann ich mit einer Portion Humor nehmen. Ich bin sehr dankbar für den Mut, den ich aufgebracht habe, mich nicht nur virtuell, sondern auch persönlich meinem Beziehungs-Thema zu stellen. Cedric steht stellvertretend für alle Männer, mit denen ich online Kontakt hatte und die kleine und große Spuren auf meinem Weg zurück in eine mögliche Liebesbeziehung hinterlassen haben. Ich durfte mich mit ihrer Hilfe in den Spiegel schauen, Wunden betrachten und diese ein Stück weit versorgen. Jeder dieser Männer half mir auf seine Weise zurück in eine nicht immer angenehme Lebendigkeit.

Ich glaube es wäre schade, diesen Teil meiner Lebenslust aus Angst vor Schmerz vermeiden zu wollen.

Dank meiner genialen Intuition kam ich meiner Weiblichkeit sehr nahe, wenn auch auf etwas unkonventionelle Weise. Demnächst werde ich übrigens mein Profil abmelden, next step: Männer analog kennenlernen!

Margot Steiner, Dipl. Berufs- und Sozialpädagogin
Klangenergetikerin, Systemische Aufstellungsleiterin, Körperarbeit
www.aloha-klang.at


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2 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag. Ich denke mir wäre es ähnlich gegangen… bin auch schon länger Single und kämpfe auch mit diesen Selbstzweifeln. Ich gehöre auch zu den hochsensiblen Menschen. Ich habe festgestellt, dass Online-Dating nichts für mich ist, da ich meine Sinne nicht einsetzen kann und das macht mich sehr unrund !!!

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