Hochsensible brauchen eine gesunde Ich-Grenze

(Von Anette Eßer)

Eine gesunde Ich-Grenze schafft Identität und Verbundenheit! Wie gut kannst du dich abgrenzen? Empfindest du den Kontakt mit anderen Menschen oft als anstrengend? Fällt es dir schwer, zwischen deinen eigenen und den Gefühlen anderer zu unterscheiden? Und was bedeutet es für dich, eine Grenze zu ziehen? Ist das so, als würdest du innerlich eine undurchdringliche Wand hochfahren, durch die nichts mehr von außen nach innen und auch nicht mehr von innen nach außen dringen kann? Musst du den Kontakt abbrechen, um wieder zu dir kommen zu können? Oder ist es vielleicht sogar unmöglich, den eigenen Raum zu spüren, weil es da kaum eine Grenze gibt, die diesen schützend umgibt?

Viele hoch- oder neurosensibel veranlagte Menschen klagen über Abgrenzungsschwierigkeiten.

Ich habe mich gefragt, warum das so ist und bin mit dieser Frage auf eine Forschungsreise gegangen, über die ich in meinem Buch „Den inneren Garten wiederfinden. Vom heilsamen Umgang mit Grenzen, Gefühlen und Drachenprinzessinnen.“ schreibe.

Eine der bedeutendsten Entdeckungen auf diesem Weg war das Konzept des Inneren Gartens von Dr. med. Klaus Blaser. Durch seine Arbeit und die Ausbildung zur Self-BoundaryAwareness Trainerin habe ich nicht nur theoretisch verstanden, wie grundlegend eine gesunde, das heißt eine zugleich stabile und flexible Ich-Grenze für den Umgang mit mir selbst, mit anderen, mit meiner Mitwelt und mit Gott ist. Weit darüber hinaus konnte ich durch tägliche Übung, inneres Forschen und den Austausch mit anderen erfahren, wie es um meine Grenzen bestellt ist und dass ich diese aktiv gestalten und “reparieren“ kann.

Ein gesundes Ich-Grenzbewusstsein wirkt sich wesentlich auf unsere Lebensqualität aus und ist grundlegend für unsere psychische und – damit einhergehend – physische Gesundheit.

Wir kommen alle mit der Fähigkeit, ein gesundes Ich-Grenzbewusstsein auszubilden, auf die Welt. Und wenn mit ca. 18 Lebensmonaten unser Ich-Bewusstsein erwacht, hängt es vor allem davon ab, wer uns wie begegnet, damit wir eine intakte Identität entwickeln können. Hochsensible Kinder sind sehr empfänglich und reagieren besonders empfindlich auf das, was im zwischenmenschlichen Kontakt passiert. So sind sie auch schneller als normal-sensible Kinder irritiert, verunsichert, verletzt oder traumatisiert. Entwicklungstraumatische Erfahrungen haben immer verheerende Auswirkungen sowohl auf die Grenzarchitektur wie auch auf das, was sich innerhalb der Grenzen befindet: all das, was wir Ich nennen. All unsere Erfahrungen, Bilder, Gefühle, Ansichten und Glaubenssätze, unsere Verantwortung und unsere Aufgaben, unsere Spiritualität. Traumatische Erfahrungen verletzten oder zerstören sowohl bestimmte Teile des Gartenzauns wie auch die Elemente, die sich darin befinden. Wenn wir uns mit unserem Ich-Grenzbewusstsein beschäftigen, stoßen wir meist unweigerlich auf solche Verletzungen oder Verheerungen und tun gut daran, uns ihnen zuzuwenden. Neugierig, wohlwollend, fühlend. Und wir tun gut daran, Räume mit anderen gemeinsam zu schaffen, die sich sicher anfühlen und uns die Möglichkeit zur Heilung geben. Allein gelingt uns das nicht. Die Überzeugung, dass ich das allein tun muss und mich da sowieso niemand wirklich versteht oder mir helfen kann, ist Teil des Traumas; Ausdruck des Getrennt-Seins.

Intakte Ich-Grenzen sind von daher auch grundlegend, wenn wir mit anderen in einen authentischen, verantwortungsvollen und verbindlichen Kontakt treten wollen.

Es braucht ein in sich verankertes und klar definiertes Ich und ein sich seiner Grenzen bewusstes Du, um tiefe, nährende Beziehungserfahrungen machen zu können. Das ist eine Kunst und ein mitunter lebenslanger Weg, zu dessen Beschreitung ich alle LeserInnen ermutigen und einladen möchte. Es ist der Weg in oder zurück in das einzig sichere Zuhause, das wir haben. Es liegt IN uns.

Anette Eßer, Buchautorin und Expertin für Hochsensibilität, www.andersnormal.com


Anette Eßer
Den inneren Garten wiederfinden
Vom heilsamen Umgang mit Grenzen, Gefühlen und Drachenprinzessinnen

Leseprobe

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