Im Spiegel hochsensibler Lebewesen

(Von Svenja Reithner)

Pferde gelten als sehr sensibel und bieten dem Menschen dadurch einen wunderbaren Spiegel. Besonders hochsensible Personen können von einem Umgang mit dem Pferd in hohem Maße profitieren. Außerordentlich hilfreich ist die Gesellschaft von Pferden, um die eigene Stimmung besser wahrnehmen zu können und ebenfalls die eigene Situationswahrnehmung zu schulen.

DIE KRAFT DES AUGENBLICKS

Pferde leben im Hier und Jetzt. Sie denken weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft. Eine Herde steht friedlich grasend auf der Weide und denkt nicht an die Möglichkeit, von einem Wolf gefressen zu werden. Erst wenn es deutliche Anzeichen für die mögliche Annäherung eines Wolfs oder einer anderen Gefahr gibt, wird blitzschnell reagiert und mit Kraft und Mut zur Tat, in dem Fall zu Flucht, geschritten.
Neigt besonders der hochsensible Mensch doch tendenziell dazu, sich über dies und das Gedanken zu machen und Schwierigkeiten zu haben, aus einer einmal begonnenen (negativen) Gedankenspirale auszusteigen, lebt das Pferd im Moment. Im Zusammensein mit dem Pferd überträgt sich dies auf den Menschen und mit Training, kann ein entspannter Umgang mit Gedanken, die sich im Kreis drehen, in den (hochsensiblen) Alltag integriert werden.

DIE EIGENEN EMOTIONEN IM SPIEGEL GESEHEN

Tiere, speziell, Pferde spiegeln den Menschen ausgezeichnet. Diese Spiegelung erfolgt in der Sekunde und gestochen scharf. Vor einem Pferd lässt sich der eigene Gemütszustand nicht verstecken. Geübte Pferdemenschen können am ersten Blick ihres Pferdes abschätzen in welcher Verfassung sie selbst sind. Mit dieser Tatsache lässt sich gut im Coaching arbeiten. Der Klient kann unter Anleitung des Coachs selbst Rückschlüsse auf sein Verhalten ziehen. Ganz wichtig ist dabei, eine Herde von unterschiedlichen Pferdecharakteren zur Verfügung zu haben, wie dieses Beispiel zeigt.

Dem Ratsuchenden Herrn P. wurde auf der Fahrt zum Stall an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen. Oberflächlich sind Wut und Ärger darüber verpufft, das Unterbewusstsein hat die Situation jedoch noch nicht losgelassen. Herr P. betritt die Koppel und noch bevor er Coach und Pferd begrüßen kann, bewegt sich Pferd 1 zielstrebig ans andere Ende der Koppel. Das mag ihm noch nicht merkwürdig vorkommen. Plötzlich kommt Pferd 2 mit einer enormen Energie an und verhält sich ziemlich rücksichtslos Herrn P. gegenüber. Der Coach verlässt daraufhin gemeinsam mit Herrn P. die Situation und stellt sich etwas abseits hin. Herr P. fragt sich vielleicht, was denn heute in Pferd 2 gefahren ist. Da kommt auch schon Pferd 3, freundlich und ruhig, gut gelaunt wie immer und stellt sich dicht neben Herrn P. und ist einfach nur da.

Es ist Zeit, um durchzuatmen und das gerade Erlebte zu reflektieren. Vielleicht erkennt Herr P. nicht, dass das Verhalten der Pferde eine Reaktion auf seine noch nicht ganz verarbeiteten eigenen Emotionen war. Pferd 1, das Sensibelste von allen, wollte sich auf keine Interaktion mit schlechter Stimmung einlassen und ist gleich verschwunden. Pferd 2, der Herdenchef, will Herrn P. zum Kampf herausfordern, da er keine schlechte Laune in seiner Herde haben möchte. Um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, hat der Coach mit dem Klienten aktiv die Situation verlassen. Pferd 3 hat eine dicke Haut und nimmt Herrn  P. voll und ganz mit seiner schlechten Laune an. Es gibt Herrn P. die Chance wieder bei sich und in Ruhe und Gelassenheit anzukommen und auch zu erkennen, was in ihm noch vorgeht.

Herr P. kann aus dieser Episode 3 Dinge mitnehmen:

  • den eigenen Gemütszustand zu hinterfragen, wenn auf ungewohnte, abweisende oder aggressive Weise auf einen reagiert wird
  • es wäre angemessener und angenehmer, die schlechte Stimmung in der Situation zu lassen, die diese ausgelöst hat
  • die Reaktion auf eine Stimmung hängt auch vom Naturell des Gegenübers ab; jedes Pferd/jeder Mensch reagiert individuell auf Ereignisse und in jeder Reaktion liegt die Möglichkeit zur Reflexion über das eigene Verhalten und die eigene Befindlichkeit

Neben der eigenen Befindlichkeit lassen sich in Gesellschaft einer Pferdeherde auch Strukturen aus dem eigenen Alltag durchschauen. Wie verhält sich beispielsweise der Herdenchef gegenüber den rangniedrigeren Tieren. Wie reagiert er auf ein Tier, das ihm seinen Rang streitig machen möchte. Ebenso können damit Familienstrukturen in ein neues Licht gerückt und bearbeitet werden. Die Pferde zeigen Lösungen auf und der Coachee arbeitet an der Findung von neuen Wegen.

Svenja Reithner, Coach für Lebenszeitmanagement, www.svenjareithner.com

2 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Artikel! Ich bin mittlerweile 47 Jahre alt und Pferde begleiten mich nun schon seit 40 Jahren! Tiere und im speziellen Pferde helfen mir durch mein ereignisreiches Leben! Sie sind meine Partner, Freunde, Therapeuten und Lehrer! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür!

  2. Ein sehr interessanter und schöner Beitrag über Pferd und Mensch. Pferde als Spiegel unserer Seele oder, durch das Pferd zu einen guten und ausgeglichenen Menschen werden.

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