Psychologische Traumdeutung und Hochsensibilität

(Von Michael Schramm)

Träumen hochsensible Menschen intensiver und lebendiger? Darauf deutet zumindest eine psychologische Studie (Carr/Niellsen 2017) hin, die sich mit den Erfahrungen deckt, die ich in meiner therapeutischen Arbeit mit vielen hochsensiblen Menschen mache, die mir von anhand von Träumen Einblick in ihr vielschichtiges Seelenleben gewähren.

Haben Träume überhaupt etwas zu bedeuten? Wieviel Beachtung soll ich meinen Träumen schenken? Wie gehe ich mit Alpträumen um? Und warum ist ganzheitliche psychologische Traumdeutung für hochsensible Personen besonders hilfreich? Dies sind Fragen, die mir oft gestellt werden. Aus diesem Grund möchte ich hier einen kleinen Einblick in die ganzheitliche psychologische Traumdeutung geben.

Was ist ein Traum?

Auch während wir schlafen ist unser Gehirn aktiv. Ein Traum ist das Erleben dieser Aktivität, also ein bestimmter Ausdruck des Bewusstseins. Zwar können Forscher durch diagnostische Methoden wie Messung von Hirnströmen, Hautleitfähigkeit, Herzschlag und Atmung und Beobachtung von Augen- und Körperbewegung sowie Muskelzucken feststellen, dass ein Mensch träumt. Über den Inhalt eines Traumes kann jedoch nur der Träumer selbst berichten. Zu bemerken ist jedoch, dass er das nicht während des Traumerlebens kann, sondern nur hinterher aus seinen Erinnerungen, also in einem anderen Bewusstseinszustand. Deshalb ist es für die Wissenschaft schwierig, allgemein gültige Erkenntnisse über die Funktion des Träumens zu gewinnen. Ob und welche Bedeutung Träume haben ist deshalb unter Psychologen umstritten.

Welche Bedeutung haben Träume?

Die Hypothesen über die Bedeutung von Träumen sind vielfältig. Im Altertum wurden sie als Botschaften von Gott bzw. Göttern oder Dämonen gesehen. Für Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse waren Träume symbolisch verkleidete Wünsche sexueller Natur. Diese Interpretation war seinem Schüler Carl Gustav Jung zu einseitig. Er war der Meinung, dass ein Traumsymbol nicht nur ein verschleiertes Abbild einer realen Person oder äußeren Objekts war, sondern Aspekte des Selbst des Träumers. Während Freud einen Traum ausschließlich mit der Biographie des Träumers in Verbindung brachte, konnte für Jung ein Traumsymbol auch den Ursprung in dem von ihm postulierten kollektiven Unbewussten haben.

Ähnlich wie C.G. Jung waren Träume für den Gestalttherapeuten Fritz Perls Ausdruck der Persönlichkeit des Träumers. Um die abgespaltenen Aspekte in die Persönlichkeit zu integrieren und dadurch wieder ganz und heil zu werden, leitete er seine Klienten an, sich in einem Rollenspiel mit allen Teilen des Traumes zu identifizieren. Durch den gespielten Dialog sollte eine Verbindung entstehen zwischen all den unterschiedlichen Traumteilen. Auf diese Weise wollte Perls seinen Klienten helfen, innere Widersprüche anzunehmen und seelische Konflikte aufzulösen.

Wie kann man mit Alpträumen umgehen?

Psychotherapeuten, die in der Tradition des berühmten Hypnosetherapeuten Milton Erickson einen lösungsorientierten Ansatz verfolgen, nutzen das Träumen wiederum als Möglichkeit, um schöpferische Antworten auf Fragen und Probleme im Leben zu erhalten.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie wären ein Regisseur oder Drehbuchautor. Welche Veränderungen würden Sie an Ihrem Traum vornehmen wollen? Welche Figuren und Requisiten dazu nehmen oder entfernen? Welche Rollen würden Sie in Ihrem Traum neu besetzen? Wie könnte der Traum weitergehen, damit es zum Happy End kommt? Schreiben Sie Ihren neuen Traum auf, so als würden Sie ihn gerade in diesem Moment träumen – und lassen Sie sich überraschen, wie sich dabei Ihre Gefühlslage verändert.

Hochsensible Personen, die sich auf diese Form der Traumdeutung einlassen können, sind meist sehr kreativ und können durch die Veränderungsarbeit Ihr Gefühlsleben nach einem Alptraum regulieren lernen.

Wieviel Beachtung soll ich meinen Träumen schenken?

Ich gehe davon aus, dass ein Traum solange bedeutungslos bleibt, bis sich jemand mit ihm beschäftigt und ihm eine Bedeutung verleiht. Wie der Psychotherapeut und Autor, Frank Staemmler (1995) treffend feststellt, beginnt die Vergabe von Bedeutung „schon mit der ebenso alten, wie weit verbreiteten Annahme, Träume enthielten wichtige Botschaften für den Träumer, oder auch mit ihrem krassen Gegenteil, nach dem Träume nur ‚mentalen Salat‘ darstellen.“ Mit anderen Worten: Auch die Auffassung, dass ein Traum keine Bedeutung habe, ist genau genommen eine Zuschreibung von Bedeutung.

In dem Moment, in dem Sie sich fragen, ob oder was ein Traum etwas zu bedeuten hat, beschäftigen Sie sich schon mit ihm. Warum ihn dann nicht mithilfe einer ganzheitlichen psychologischen Traumdeutung nutzen, um das eigene Seelenleben besser zu verstehen?

Warum ist ganzheitliche psychologische Traumdeutung für hochsensible Personen hilfreich?

Hochsensible Personen haben nicht nur eine feinere Wahrnehmung und ein intensiveres Gefühlsleben. Da sie tagsüber viele Eindrücke in sich aufnehmen, liegt der Schluss nahe, dass sie diese während der Nacht in ihren Träumen verarbeiten müssen. Das „Abschalten“ fällt ihnen oft auch während der Nachtruhe schwerer. Während weniger sensible Klienten mich fragen, was sie tun müssten, um sich besser an ihre Träume zu erinnern, fällt es Hochsensiblen meist nicht schwer, von ihren Träumen zu berichten. Doch wenn es hochsensiblen Menschen nicht gelingt, ihre Fähigkeiten und ihre besondere Gabe in den Austausch mit anderen Menschen einzubringen, dann leiden sie meist auch verstärkt unter Alpträumen. Da hochsensible Menschen überdurchschnittlich an ethischen Fragen interessiert sind und einen Sinn im Leben brauchen, suchen Sie oft auch nach der Bedeutung ihrer Träume. Tun sie das alleine, neigen diejenigen, die nicht fest im Hier-und-Jetzt verankert sind, dazu, sich in ihren Träumen zu verlieren. Verstärkt wird Problematik, dass hochsensible Personen sich aufgrund von Kränkungserfahrungen oft nicht trauen, mit anderen Menschen über ihr reiches Seelenleben und ihre Träume zu sprechen, sich innerlich zurückziehen und vereinsamen. Wir Menschen sind aufgrund unserer Natur Beziehungswesen. Wenn wir versuchen unsere Träume alleine im stillen Kämmerlein zu deuten, bleiben wir in unserer eigenen Welt gefangen. Es fehlt der ergänzende, Sinn stiftende Austausch. Denn wie der Religionsphilosoph Martin Buber in seinem Werk „Ich und Du“ schreibt: „Alles wirkliche im Leben ist Begegnung.“

Darum kann es für eine hochsensible Person eine heilsame Erfahrung sein, einem empathischen, respektvollen und wertschätzendem Gegenüber bei einer Traumdeutung Einblicke in das eigene Seelenleben zu gewähren.

Was ist ganzheitliche Traumdeutung?

In meiner ganzheitlichen Traumarbeit orientiere ich mich immer an der individuellen Fragestellung meines Gegenübers. Einen Traum anhand von Traumsymbolen aus einem Traumlexikon zu deuten, ist mir zu unpersönlich. Vielmehr entsteht eine zu den Lebensumständen und der Biographie passende Deutung im kreativen gemeinsamen Dialog. Ganzheitlich zu denken heißt für mich, nicht eine einzelne Theorie als gültig anzunehmen, sondern verschiedene Hypothesen einzubeziehen und mich empathisch einzufühlen.

Michael Schramm,
Gestalt- und Hypnosetherapeut
www.hypnosepraxis.info
www.online-psychologie.info

 

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