Warum Hochsensible auch mal etwas riskieren sollten

(Von Sandra Tissot)

Fremdgesteuert, distanziert, gesichtslos, sinnbefreit? Für Hochsensible scheint insbesondere in den letzten Wochen und Monaten der Lebensraum immer enger geworden zu sein. Zu groß ist die Verlockung, sich einfach zurückzuziehen und sich stillschweigend über die Hintertüre aus dem Staub zu machen.

Suggerierte Sicherheit und Fremdbestimmung

Fester Job, geregeltes Einkommen, Konzepte die unsere Gesundheit und den Umgang mit unseren Mitmenschen regeln … du brauchst dich nur umzuschauen, überall wird dir ein Gefühl von Sicherheit suggeriert. Es genügt, wenn du dich an eine vorgefertigte Liste von Regeln hältst und schon ist dir ein langes und sicheres Leben gewiss.

Denn nichts scheint schlimmer zu sein, als die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist. Aber ist dem wirklich so? Sollten wir uns vor der Angst vor dem Sterben nicht erst nochmal vergewissern, ob wir überhaupt noch leben?

Bin ich schon tot oder lebe ich noch?

Die Lust ins Risiko zu gehen

Nein damit ist natürlich nicht gemeint, dass du zur nächsten Brücke fährst und prüfst, ob du nicht doch fliegen kannst oder dich anderweitig wissentlich in echte Lebensgefahr begibst. Als hochsensible Person hast du im Laufe der Jahre wahrscheinlich sowieso bereits mehr als einmal bemerkt, dass sich alles immer wie von Geisterhand fügt und du auch ein gutes Gespür dafür hast, was physisch und psychisch gefährlich für dich werden könnte – und was nicht.

„Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?“ (Vincent van Gogh)

Es geht vielmehr um die Freude daran, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Gern möchte ich dir dazu ein Beispiel machen:

Über Jahre quälte ich mich in einer Festanstellung, die meinem hochsensiblen Naturell so überhaupt nicht gerecht werden wollte. Bis dahin hatte immer jemand anderes die Verantwortung für mein Leben übernommen. Im Kindesalter waren es zunächst meine Eltern, später wurden die Hochschulprofessoren durch Vorgesetzte in der Arbeitswelt abgelöst. Ich erinnere mich noch gut an den ersten „arbeitsfreien“ Tag im Sinne eines fehlenden Angestelltenverhältnisses. Ich erwachte nach einem erholsamen Schlaf und entschied, noch eine Weile im Bett zu bleiben. Verschiedenste Gedankenkonstrukte entwickelten sich vor meinem geistigen Auge und ich verspürte plötzlich eine vollkommen neue Energie. Es erschien mir an jenem Morgen unverständlich, wie ich so lange in dieser Schockstarre hatte verharren können. Ich fühlte mich auf eine besondere Art und Weise federleicht und befreit. Alle Existenzängste und hohen Erwartungen an mich selbst waren wie weggewischt. Jeder, der diesen Zustand schon einmal erreicht hat, weiß, wie gut er sich anfühlt. Mir war auf einmal vollkommen egal, was alle anderen über mich dachten oder ob mir irgendjemand nicht zutraute, dass ich den Sprung in die Selbstständigkeit schaffte. Der Wunsch danach kam aus meinem Innersten. Er war da, und ich konnte es in aller Deutlichkeit spüren. Ich würde die Selbstständigkeit anpacken – ganz ohne die inneren Kämpfe und die Zerrissenheit der vergangenen Jahre. Ich befand mich auf dem richtigen Weg … Dieser Tag liegt bereits mehr als 10 Jahre mit Höhen und Tiefen zurück – ich habe meine Entscheidung nie bereut.

An welcher Stelle in deinem Leben hast du Lust auf ein Risiko? Ist es der Gedanke an die unternehmerische Selbstständigkeit, der dich umtreibt oder vielleicht eine Kündigung, um dich beruflich als Angestellte*r zu verändern? Vielleicht gibt es da aber auch etwas in deinem Privatleben, was bereits längst „überfällig“ ist. Oder du gönnst dir einfach den Luxus, anderer Meinung zu sein und nutzt in einer Demokratie die Gelegenheit diese auch öffentlich kundzutun? Ganz gleich was es auch ist, wofür du brennst oder was du glaubst, bewegen zu können: Das Wissen um eine tiefe Verbundenheit mit dem Ganzen wird dir Kraft geben.

Das Wissen um Verbundenheit hilft

Je nachdem wie (hoch)sensibel du deine Umwelt und deine Mitmenschen wahrnimmst und inwieweit dir vielleicht auch deine Lebenserfahrung mittlerweile die eine oder andere Gewissheit mitgegeben hat: Es gibt da eine tiefe Verbundenheit zu dir selbst, aber auch zu anderen Menschen, Tieren und der gesamten Umwelt, die wir mit dem was wir gern „gesunden Menschenverstand“ nennen nicht unbedingt auf Anhieb erklären können. Oder um es mit den Worten von Emile Coué zu sagen:

„Der bewusste Verstand ist die Engstelle des Geistes in uns“.

Besonders deutlich wird das für dich vielleicht beim Yoga, bei der Meditation oder wenn du dich in Phasen des Halbschlafs befindest. Mit Hilfe von regelmäßigem „Training“ gelingt dir das aber auch tagsüber  – bei den unterschiedlichsten Begegnungen, beispielsweise mit anderen Menschen.

Manchmal ist es ein Lächeln, manchmal ein Geistesblitz oder eine Vision, ein Gespräch oder eine plötzlich auftauchende, geöffnete Tür (oder war die dort schon immer und du hast sie heute nur das erste Mal wahrgenommen?) In den seltensten Fällen taucht sie auf, wenn wir krampfhaft versuchen neue Wege zu gehen.

Was uns manchmal fehlt ist das Urvertrauen in diese Verbundenheit und dem Wissen, dass uns nichts passieren kann. Meist hilft es innezuhalten und abzuwarten, auch wenn es schwerfällt.

Loslassen…, um zu spüren was uns verbindet und bereichert.

Ganz nach dem Motto: Macht dich das glücklich oder kann das weg? Mit dem Wissen um die tiefe Verbundenheit ist alles, was du brauchst, bereits vorhanden und in dir.  Bleibt nur noch eine Frage: Was ist dein nächstes Projekt?


Sandra Tissot, www.sandra-tissot.de
Autorin von „Du bist umwerfend“ und Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit

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