Yoga für Hochsensible

(Interview mit Dominique Hoppmann)

Luca: Dominique, du gibst Yogakurse für Hochsensible. Bist du selbst ein hochsensibler Mensch?

Dominique: Dass ich hochsensibel bin, ist mir noch gar nicht so lange klar. Der Begriff war mir zwar vor ein paar Jahren schon einmal begegnet, damals habe ich mich dann aber nicht weiter damit beschäftigt, weil ich Hochsensibilität für einen Trend hielt. Einige Zeit später sprach mich völlig unerwartet ein Kollege an: „Sagen Sie mal, Sie sind ein sehr sensibler Mensch, oder?“ Meine erste Reaktion war: Unbedingt verneinen – denn ich war überzeugt, dass das gerade im Arbeitskontext nicht wünschenswert ist und mir als Schwäche ausgelegt wird. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass mein Kollege Sensibelsein sehr positiv gegenübersteht. Daraufhin habe ich sofort angefangen, zu recherchieren, was Sensibilität eigentlich genau bedeutet und hatte sehr schnell die Erkenntnis, dass ich hochsensibel bin und das eine Ressource ist.

Luca: Was hat dir geholfen, mit deiner Hochsensibilität besser umzugehen?

Dominique: Zunächst einmal, überhaupt zu erkennen, dass ich hochsensibel bin. Viele Hochsensible berichten von einer großen Erleichterung, nachdem sie mit dem Thema Hochsensibilität in Berührung gekommen sind. Zum Einen, weil es eine Erklärung dafür gibt, warum sie bei Vielem intensiver reagieren als andere Menschen – und dass das nicht falsch, sondern eben ihre Natur ist. Zum Anderen, weil sie damit nicht (mehr) alleine sind. So ging es mir auch. Ich habe meine Hochsensibilität gleich als Stärke verstanden und gezielter geschaut: Wie kann ich diese Wahrnehmungsstärke sinnvoll einsetzen? Was kann ich tun, um meinen Bedürfnissen gerechter zu werden? Geholfen hat mir auch, den Kontakt mit Gleichgesinnten zu suchen. Dabei habe ich überraschend festgestellt, bereits einige feinfühlige Freunde und Bekannte zu haben. Weil Sensibilität in unserer Gesellschaft aber nicht unbedingt als besonders erstrebenswert gilt, hatten wir nur einfach noch nicht darüber gesprochen. Auch das war sehr entlastend.

Luca: Wie ist es dann dazu gekommen, dass du Yoga für Hochsensible unterrichtest?

Dominique: Als mir bewusst wurde, dass ich hochsensibel bin, hatte ich schon nebenberuflich ein paar Jahre Business Yoga unterrichtet und kürzlich eine Fortbildung im Bereich traumasensibles Yoga abgeschlossen. Dabei ist mir klar geworden, welche Parallelen es zwischen Trauma- und Hochsensibilität bestehen. Der Wunsch, mich mit etwas selbstständig zu machen, das für mich wirklich sinnvoll ist, bestand schon lange – ich hatte nur keine Ahnung, was genau es sein könnte. Gleichzeitig habe ich mich selbst als Yogaschülerin oft unwohl gefühlt, weil ich das Verhalten einiger Lehrer unsensibel empfand, z.B. wenn ich ungefragt angefasst wurde oder plötzlich mit starkem Geruch durch Räucherstäbchen konfrontiert war. Beim Vinyasa Yoga, einem dynamischen Stil, dachte ich oft: „Ich bin oder möchte nicht so schnell wie die anderen.“ Und das Gefühl, anders oder falsch zu sein, war mir gerade im Zusammenhang mit Hochsensibilität sehr vertraut. Ich finde, das muss nicht sein – schon gar nicht auf der Yogamatte. Ich suchte also nach einer Yogastunde, bei der die Bedürfnisse von Hochsensiblen berücksichtigt werden, habe aber so ein Angebot nicht gefunden. Da kam mir allmählich der Gedanke: „Ich bin doch Yogalehrerin und habe die passende Zusatzqualifikation – dann mache ich das einfach selbst.“ Das Vertrauen in mein eigenes Einfühlungsvermögen gegenüber meiner Schüler hat mich dann darin bestärkt, den Schritt zu wagen und Sensibles Yoga zu gründen.

Luca: Was können Yogaschüler, die in deine Stunde kommen, erwarten?

Dominique: Das Augenmerk liegt darauf, was sensiblen Schülern in einer Yogastunde gut tun könnte. Mir ist wichtig, dass sie das Yoga zu ihrem Yoga machen – eben „sensibles Yoga“. Jeder darf sein Tempo gehen, auch wenn das bedeutet, sich zwischendurch einfach hinzulegen und auszuruhen. Ich arbeite mit kleineren Gruppen und achte z.B. darauf, dass jeder genug Raum zur Abgrenzung um die eigene Matte herum hat. Es gibt mehr Pausen und Zeit, um nachzuspüren. Ich wähle Haltungen jenseits von „Hochglanzposen“, die das Nervensystem runterbringen und bin vorsichtig mit zusätzlicher Sinnesstimulation, wie z.B. durch Musik. Bei meinen Workshops besteht auch die Möglichkeit, mit anderen Teilnehmern tiefer ins Gespräch zu kommen. Eine Freundin von mir sagte letztens mal: „Ich habe es so satt, dass da vorne ein Yogalehrer sitzt, der mir sagt, was ich fühlen soll.“ Hochsensible spüren einfach viel – dem möchte ich entgegen kommen und es anders machen.

Luca: Können auch normal sensible Yogis in deine Stunden kommen?

Dominique: Mein Unterrichtsstil war schon immer sehr bewusst, achtsam und meditativ. Daher fühlen sich in meinen Kursen auch Teilnehmer wohl, die langsam und in kleineren Gruppen üben möchten. Manchmal ist jemandem auch noch nicht wirklich klar, ob er nun normal sensibel, sensibel oder hochsensibel ist – er fühlt sich aber von dem Konzept angesprochen und ist natürlich willkommen. Darum biete ich ab Herbst auch zusätzlich das Format „Sensitives Yoga“ an.

Luca: Machst du selbst auch regelmäßig Yoga?

Dominique: Ja, und das nicht nur, weil es als Lehrerin sinnvoll ist, selbst zu praktizieren. Als ich mit Yoga angefangen habe, habe ich zum ersten Mal deutlich Leichtigkeit gespürt. Körperlich wie geistig. Regelmäßig dranzubleiben fällt mir gar nicht schwer, weil es mir einfach so gut tut. Nach dem Yoga fühle ich mich präsenter, kraftvoller und mehr bei mir. Wenn ich mal krankheitsbedingt keine Haltungen machen kann, übe ich mich stattdessen in Atmung und Meditation. Sonst leidet meine Gelassenheit (lacht).

Luca: Was fällt dir im hochsensiblen Alltag immer noch schwer?

Dominique: Meine individuelle Balance zwischen Be- und Entlastung zu finden und zu wahren. Mir ist bewusst, dass ein hochsensibler Körper eben mehr Pausen braucht als ein Körper von normal sensiblen Menschen. Yoga und Achtsamkeit helfen mir, immer wieder innezuhalten, um meine persönliche Grenze immer besser zu erkennen. Gleichzeitig bin ich sehr unternehmungslustig, engagiert und gewissenhaft. Da kommt es schonmal vor, dass ich im Flow bin und vor lauter Freude an einer Sache meine Energie überstrapaziere.

Luca: Hochsensibilität – Fluch oder Segen?

Dominique: Für mich ganz klar ein Segen. Ich sehe Hochsensibilität als eine große Wahrnehmungsgabe. Seit ich mir ihre positiven Seiten bewusst gemacht habe, schaue ich immer, wie ich diese Stärken stärke, nutze und genießen kann. Das wünsche ich jedem, der mit seiner Sensibilität hadert.

Luca: Vielen Dank, liebe Dominique.



Dominique Hoppmann
Sensibles Yoga
www.sensiblesyoga.de.

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