Hochsensibilität und die weiblichen Hormone
(Von Petra Nadolny) Bist du mit Hochsensibilität gesegnet und über vierzig? Gehörst du auch zu den Frauen, die das Gefühl haben, ihre Hochsensibilität wird irgendwie schlimmer? Könnte es vielleicht an den weiblichen Hormonen liegen?

In meiner Arbeit mit hochsensiblen Frauen und mit Frauen in den Wechseljahren fällt mir immer wieder auf, wie sich die Hochsensibilität und die Symptome der Hormonschwankungen ähneln und sich bedingt dadurch verstärken.
Als Frau sind wir ständig Hormonschwankungen unterworfen.
Es beginnt mit der Pubertät, geht weiter mit den Zyklusschwankungen und endet in den Wechseljahren. Viele Frauen haben, beginnend in ihren Dreißigern, mit dem prämenstruellen Syndrom zu tun, kurz PMS genannt.
Etwa zwei bis acht Prozent von ihnen sogar mit dem prämenstruellen dysphorischen Syndrom, kurz PMDS. Bei letzterem stehen die psychischen Probleme im Vordergrund.
Ab etwa unserem fünfundvierzigsten Lebensjahr kommen wir Frauen in die Perimenopause. Jetzt beginnen die Hormone mit deutlichen Schwankungen, stetig zu sinken. Anfang fünfzig kommen wir dann zur Menopause, unserer letzten Blutung.
Etwa ein Jahr nach der letzten Blutung sind unsere Hormone extrem niedrig und wir sind in der Postmenopause angekommen.

Was hat das nun alles mit hochsensiblen Frauen zu tun?
Mit vielen hochsensiblen Frauen eine ganze Menge. Die Wesensmerkmale der Hochsensibilität möchte ich hier nicht noch einmal aufführen, die dürfte jeder Hochsensible gut kennen. Trotzdem möchte ich hier ein paar Attribute aufzählen.
- Da haben wir die leichte Reizbarkeit,
- die Empfindlichkeit auf Geräusche und Licht,
- natürlich die verminderte Stressresilienz und
- eine innere Unruhe.
- Dann hätte ich da noch Stimmungsschwankungen,
- Schlafstörungen,
- Antriebslosigkeit,
- Konzentrationsschwierigkeiten,
- eine Neigung zu Migräne und
- Ängste bis hin zur
- Depression zu bieten.
Erkennst du dich als hochsensible Frau wieder? Wenn auch nicht bei allen genannten „Symptomen“, aber bei den meisten schon, oder?
Die genannten Symptome stammen aber in diesem Fall gar nicht von einer Beschreibung der Hochsensibilität. Es sind Wechseljahressymptome!
Jetzt können wir uns gut vorstellen, dass bei uns hochsensiblen Frauen die vorhandenen Wesensmerkmale durch die hinzukommenden Wechseljahressymptome noch verstärkt werden können.
Viele Frauen erleben ab Mitte vierzig ihre Hochsensibilität deutlich verstärkt. Es ist natürlich nicht bei allen Frauen gleich. Frauen, die wenig von ihren Hormonschwankungen und ihren Wechseljahren mitbekommen, spüren dies auch nicht in ihrer Hochsensibilität. Leider sind dies aber nur wenige Frauen.
Wie schwierig die Kombination Hochsensibilität und Wechseljahre sein kann, zeigt sich beim Thema Schlaf. Hochsensible Menschen benötigen ausreichend Schlaf.
Wir alle wissen, wie schwierig es sein kann, wenn wir schlafen möchten und unser Gehirn unseren Tag noch lange verarbeitet. Gedanken, die uns nicht schlafen lassen. Wenig Schlaf lässt uns nicht wirklich erholt am Morgen aufwachen.
Studien zeigen, dass Schlafstörungen mit das häufigste Problem in den Wechseljahren sind.
Das heißt, dass viele hochsensible Frauen einen deutlichen Mangel an Schlaf bzw. Erholung haben. Schlafmangel bedeutet für unseren Körper Stress. Wenn dieser Schlafmangel häufig auftritt, kann dies für jeden Menschen massive Auswirkungen auf Körper und Seele haben, für uns hochsensible Frauen erst recht.

Warum kommt es zu Schlafstörungen in den Wechseljahren?
Das Östrogen ist ein entscheidender Faktor für unsere REM- und Tiefschlafphase. Das Progesteron, hier sprechen wir genauer gesagt von dem Abbauprodukt des Progesterons, dem Allopregnanolon. Dieses Allopregnanolon dockt im Gehirn an GABA-Rezeptoren an und wirkt entspannend und fördert unseren Schlaf.
Fehlen nun diese Hormone in ausreichender Menge, kommt es zu Schlafstörungen.
Wir wissen ja auch, dass hochsensible Frauen deutlich schneller in eine depressive Stimmung oder sogar in eine Depression an sich geraten können als Frauen ohne diesen Wesenszug. Auch hier können die Hormone in den Wechseljahren als Brandbeschleuniger wirken.
Dieser Artikel soll hochsensiblen Frauen keine Angst vor den Wechseljahren machen. Ich möchte nur den Blick dafür schärfen, dass in dieser Zeit die Hochsensibilität intensiver werden kann.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns immer wieder bewusst machen, wie wichtig für uns Ruhephasen, eine gesunde Ernährung, der Besuch eines Gynäkologen und ein angepasster Lifestyle sind. Wir hochsensiblen Frauen sind es uns wert.
Petra Nadolny
Petra Nadolny
ist Beraterin für hochsensible Frauen und Kinder
www.petra-nadolny-sensitiv.de
Netzwerkmitglied für 29392 Wesendorf (D)
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ab etwa Mitte vierzig beginnen deutliche hormonelle Veränderungen. Schwankungen von Östrogen und Progesteron können Symptome wie Reizbarkeit, innere Unruhe oder Schlafstörungen verstärken. Da hochsensible Frauen ohnehin sensibler auf körperliche und emotionale Veränderungen reagieren, erleben viele ihre Hochsensibilität in dieser Phase intensiver.
Symptome wie Geräusch- und Lichtempfindlichkeit, verminderte Stressresilienz, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder Ängste überschneiden sich stark mit den Eigenschaften hochsensibler Frauen. Dadurch kann es schwierig sein zu unterscheiden, was hormonell bedingt ist und was zur Persönlichkeit gehört.
Östrogen beeinflusst die REM und Tiefschlafphasen, während das Hormon Progesteron beziehungsweise dessen Abbauprodukt im Gehirn beruhigend wirkt. Sinkt der Hormonspiegel, kann der Schlaf gestört sein. Für hochsensible Frauen bedeutet Schlafmangel zusätzlichen Stress, weil ihr Nervensystem ohnehin schneller überreizt reagiert.
Ja. Hochsensible Frauen neigen ohnehin eher zu intensiven emotionalen Reaktionen. Wenn hormonelle Veränderungen hinzukommen, kann das wie ein Verstärker wirken und depressive Stimmungen oder Ängste begünstigen. Das bedeutet nicht, dass jede Frau betroffen ist, aber die Wahrscheinlichkeit ist erhöht.
Wichtig sind bewusste Ruhephasen, eine nährstoffreiche Ernährung, regelmäßige Bewegung und gegebenenfalls ärztliche Begleitung. Ein angepasster Lebensstil mit ausreichend Schlaf und Stressreduktion hilft, hormonelle Veränderungen besser zu bewältigen und die eigene Sensibilität als Stärke zu erhalten.
