Die Stärkung hochsensibler Kinder in neuen Situationen
(Von Simone Wolf, Netzwerkmitglied für 55127 Mainz/D) Wie können hochsensible Kinder in neuen Situationen begleitet und gestärkt werden? Hochsensible Kinder nehmen aufgrund ihres sensiblen Wesens sowohl äußere wie auch innere Reize sehr viel intensiver auf als viele andere Kinder.

Sie haben besonders in neuen Situationen daher deutlich mehr Informationen im Außen wie auch in ihrem Inneren zu verarbeiten. Wenn sie Neuem ausgesetzt sind, können intensive Reize und Eindrücke auf sie einströmen, die sie auch überreizen oder überfordern können.
Dies kann ein neuer Urlaubsort in den Sommerferien sein und auch die neue Kita oder die neue Schule, die sie gerade zu Beginn sehr detailreich wahrnehmen. Dabei benötigen sie viel Zeit zur schrittweisen Verarbeitung. Insbesondere in für sie unvertrauten Situationen können sie die Tendenz haben, bestimmte Beobachtungen gedanklich immer wieder durchzudenken und abzuwägen, um Lösungen zu finden, bevor sie es dann wagen, zu handeln.
„Die Neigung innezuhalten und eine Situation umfassend wahrzunehmen, bevor sie handeln oder eine Entscheidung treffen, ist ein charakteristisches Merkmal der hochsensiblen und nicht zwangsläufig durch Angst vor neuen Erfahrungen, Fremden oder etwas dieser Art motiviert.“
Quelle: Dr. Elaine Aron: „Das hochsensible Kind“, S. 312
So beschreibt es Dr. Elaine Aron in ihrem weltbekannten Buch, das bereits 2002 unter dem Titel „The highly sensitive child“ erschien.
Hochsensible Kinder haben aus ihrer Sicht das typische Merkmal, dass sie innehalten, um eine für sie neue und zugleich unvertraute Situation umfassend wahrzunehmen. Sie brauchen also viel Zeit, um sich in einer neuen Umgebung vertraut zu machen, sei es ein neuer Urlaubsort oder nach den Ferien die neue Kita oder die neue Schule mit neuen Reizen und Informationen.
Dr. Elaine Aron unterscheidet hier, dass hochsensible Kinder nicht unbedingt Angst vor neuen Situationen haben müssen. Dennoch ist zu beobachten, dass sie zu Ängsten oder Befürchtungen tendieren.
„Immer wenn wir uns einer neuen Situation gegenübersehen, entscheidet unser inneres Bewertungssystem, ob es angezeigt sein könnte, Angst zu haben.“
Quelle: Dr. Elaine Aron: „Das hochsensible Kind“, S. 313
Für hochsensible Kinder ist es wahrscheinlicher, dass sie Gefühle der Angst empfinden, wenn ihr Körper bereits Stresshormonen ausgesetzt ist oder in der Vergangenheit war.
Wie können hochsensible Kinder „normale“ Ängstlichkeit in neuen Situationen überwinden?
Dr. Elaine Aron beschreibt hier den möglichen Blick unmittelbar aus der Erlebenswelt hochsensibler Kinder. Sie stellt drei Fragen, die entscheidend für die Bewertung einer neuen Situation mit einer sehr sensiblen Wahrnehmung sein können:
- „Wie sicher bin ich, wenn ich mich darauf einlasse? (…)
- Bin ich der Situation hier und jetzt gewachsen? (…)
- Nehmen solche Unterfangen normalerweise einen guten Ausgang?“
Quelle: Dr. Elaine Aron: „Das hochsensible Kind“, S. 314
Das Wort „Unterfangen“ würden wir heute vermutlich mit „Aktionen“ oder „Tests“ übersetzen.
Als Eltern eines hochsensiblen Kindes stellt sich die Frage, wie sie ihr Kind in und auch bereits vor diesen Situationen hilfreich unterstützen können. Ihr Kind hält inne, um eine Einschätzung der Situation zu bekommen und um dabei die Fragen der eigenen Sicherheit und der Chancen auf Erfolg vorab gut zu beurteilen.
Es möchte sein Handeln absichern und für sich Orientierung gewinnen, um sich sicher zu fühlen.
Sein empfindsames Nervensystem ist darauf ausgerichtet, grundlegend Sicherheit zu bewahren.
Hier können ihm in der Verbindung mit Bezugspersonen auch Fakten hilfreich sein, um die Situation möglichst realistisch zu betrachten. Eltern können Kindern hier mit wohltuender und empathischer Präsenz eine Rückversicherung geben, damit sie die Bedeutung einer Situation für sich gut einordnen können.

Das klassische Beispiel ist das dicke Seil auf dem Wanderweg durch den Wald, das wohlmöglich auch eine Schlange sein könnte. Jüngere Kinder können sich beim Anblick erschrecken: Was liegt da auf dem Boden? Bewegt es sich oder nicht?
Es stellen sich möglicherweise schnell Fragen wie Dr. Elaine Aron es beschreibt: Wie sicher bin ich? (1.). Wer könnte mir notfalls helfen? (2.). Ist es gefährlich oder nicht? (3.).
Gerade jüngere Kinder suchen hier die Verbindung zu ihren Eltern und benötigen die Rückversicherung. Hier können Eltern ihren hochsensiblen Kindern ruhig und wohlwollend zeigen, dass sie auf ihre Bedürfnisse und Gefühle reagieren und mit ihrem Kind gemeinsam gute Lösungen suchen und finden.
Hochsensible Kinder können erspüren, dass sie in der Konfrontation mit einer unsicheren Situation die Unterstützung ihrer Eltern erhalten, wenn sie für sich selbst noch wenig Lösungsrepertoire haben.
Wichtig ist dies vor allem, wenn sie in Gefühlen der Ängstlichkeit steckenbleiben sollten. Gefühle dürfen benannt werden mit „Ich sehe, das erschreckt dich gerade.“ Lösungswege können ebenso konkret benannt und zuerst gemeinsam gegangen werden.
Bei älteren Kindern können es deutlich komplexere Situationen sein, die sie aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen zu bewerten und einzuschätzen lernen: eine neue Schule mit einem viel größeren Gebäude, neue Mitschüler und Mitschülerinnen sowie Lehrer und Lehrerinnen, längere Busfahrten, neue Plätze, neue Abläufe, neue Fächer, höhere Anforderungen und vieles mehr.
Bereits im Voraus können hier gemeinsam Orte, Personen und Abläufe in den Blick genommen werden, um dem hochsensiblen Kind hilfreiche Informationen zu vermitteln, was es nach den Ferien in der neuen Schule erwarten wird. Dies hilft, dass hochsensible Kinder die Veränderungen besser schaffen können.

Hilfreich ist auch, dass hochsensible Kinder für Neues sowohl körperlich wie auch mental möglichst gut gerüstet sind. Für eine realistische Einschätzung braucht es möglicherweise auch das Wissen oder die Intuition der Bezugsperson zur Unterstützung. Wenn hochsensible Kinder dann neue Situationen bewältigt haben, können sie dies als Erfolg für sich verbuchen.
„Die Aufgabe, ein Reservoir an Erinnerungen an Erfolg und Zufriedenheit aufzubauen, ist schwieriger bei einem hochsensiblen Kind, weil jeder unter extremer Anspannung dazu neigt, nervös zu werden und leichter zu scheitern; für HSK in diesem Altern sind neue Situationen oft völliges Neuland – aufregend, stimulierend, fremdartig und daher mit extremer Anspannung verbunden.“
Quelle: Dr. Elaine Aron: „Das hochsensible Kind“, S. 315
Als Eltern und auch als Bezugsperson kann es durchaus über längere Zeit die Aufgabe sein, hochsensiblen Kindern gute Erfahrungen zu vermitteln. Eine durchaus positive Ermutigung war neulich der Satz einer Mutter zu ihrem Kind:
„Selbst, wenn etwas nicht klappt, wird trotzdem etwas Schönes passieren.“ (zufällig gehört im Wartezimmer – einem Raum des Übergangs)
Eltern mit hochsensiblen Kindern können sich in den komplexen Prozessen an Übergängen individuell beraten lassen, wenn sie selbst unsicher sein sollten. Mit hilfreichen Strategien und Impulsen, unterstützt die Fachberatung Hochsensibilität sie gezielt und trägt mit bei, dass Übergangszeiten gemeinsam bewusst gestaltet und erfolgreich gemeistert werden.
Simone Wolf
Literaturnachweis:
Aron, Elaine N. (4. Aufl. 2012): Das hochsensible Kind. Wie Sie auf die besonderen Schwächen und Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen. mvg Verlag

Simone Wolf
Dipl. Sozialpädagogin, Fachberaterin Hochsensibilität
www.simone-wolf.com
Netzwerkmitglied für 55127 Mainz (D)
Angebot: „Sommer-Special mit 4 Beratungen“
Gut navigieren in Übergangszeiten & neuen Situationen. Mehr Informationen finden Sie unter:
FAQ — Hochsensible Kinder in neuen Situationen begleiten und stärken
Sie halten inne, um die Situation umfassend zu beobachten und gedanklich abzuwägen. Dieses Verhalten ist ein typisches Merkmal, nicht zwingend Ausdruck von Angst.
Nicht automatisch — aber sie sind anfälliger für Angst, besonders wenn ihr Körper bereits Stresshormonen ausgesetzt war. Ihr inneres Bewertungssystem kann dann eher „Angst“ als Reaktion auswählen.
1. Wie sicher bin ich, wenn ich mich darauf einlasse?
2. Bin ich der Situation hier und jetzt gewachsen?
3. Nehmen solche Aktionen normalerweise einen guten Ausgang?
Weil sie unter starker Anspannung leichter nervös werden und scheitern können, ist es wichtig, ein Repertoire an positiven Erfahrungen aufzubauen, damit das Kind Vertrauen gewinnt.
Positive, realistische Zusicherungen wie „Selbst, wenn etwas nicht klappt, wird trotzdem etwas Schönes passieren“ helfen, die Erwartungshaltung zu entspannen und Offenheit für Neues zu fördern.
Wenn Übergänge oder Ängstlichkeit belasten oder Eltern unsicher sind, wie sie angemessen unterstützen sollen. Fachberatung kann konkrete Strategien und Begleitung bieten.
Fakten, Zeit, empathische Präsenz, schrittweise Erfahrungen und das bewusste Aufbauen von Erfolgserinnerungen — ergänzt durch fachliche Unterstützung bei Bedarf.
