Trauma oder Hochsensibilität? 5 mögliche Unterschiede zwischen Hochsensibilität und Hypervigilanz
(Von Inga Dalhoff, Netzwerkmitglied für 82061 Neuried/D) Viele hochsensible Menschen fragen sich irgendwann: „Bin ich einfach hochsensibel oder steckt vielleicht mehr dahinter?“

Das ist eine berechtigte Frage. Denn Hochsensibilität und Hypervigilanz – eine dauerhaft erhöhte Alarmbereitschaft, die häufig im Zusammenhang mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen entsteht – können sich äußerlich sehr ähnlich zeigen.
Beide gehen häufig mit einer intensiven Wahrnehmung, einer schnellen Reizüberflutung und einem ausgeprägten Gespür für die Umgebung einher. Gleichzeitig gibt es wichtige Unterschiede:
Während Hochsensibilität als eine natürliche Veranlagung gilt und ein großes Geschenk gesehen werden kann, ist Hypervigilanz ein Schutzmechanismus des Nervensystems.
Hypervigilanz zeigt, dass Körper und Psyche über längere Zeit gelernt haben, ständig auf mögliche Gefahren vorbereitet zu sein.
Hinzu kommt: Beides kann gleichzeitig vorhanden sein. Ein hochsensibler Mensch kann im Laufe seines Lebens traumatische Erfahrungen machen und dadurch zusätzlich eine Hypervigilanz entwickeln.
Auch die Traumata der Eltern oder Großeltern können über das Körperbewusstsein an jüngere Generationen „weitergereicht“ worden sein.
Die Epigenetik liefert inzwischen Hinweise darauf, dass belastende Erfahrungen einer Generation biologische Spuren hinterlassen können, die unter bestimmten Bedingungen auch bei nachfolgenden Generationen nachweisbar sind. Wie stark diese transgenerationale Weitergabe beim Menschen tatsächlich ist und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen, wird jedoch weiterhin erforscht.
Es lohnt sich also, beide Phänomene genauer zu betrachten.

Was ist Hochsensibilität?
Als hochsensibel gelten Menschen, die Sinneseindrücke besonders intensiv wahrnehmen und tiefer verarbeiten als viele andere Menschen.
Sie bemerken häufig feine Veränderungen in ihrer Umgebung, reagieren sensibel auf Geräusche, Gerüche oder Stimmungen und denken über Erlebnisse oft gründlich nach.
Was ist Hypervigilanz?
Der Begriff Hypervigilanz beschreibt einen Zustand erhöhter Wachsamkeit. Die Universität Bamberg beschreibt ihn als das Gefühl, ständig aufmerksam und „auf der Hut“ sein zu müssen.
Auch in der Fachliteratur wird Hypervigilanz als mögliches Symptom unter anderem bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), aber auch bei weiteren psychischen Erkrankungen beschrieben.
Auslöser können sowohl körperliche als auch seelische Belastungen sein, beispielsweise:
Neben einer erhöhten Wachsamkeit können unter anderem Schlafstörungen, Gereiztheit, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme auftreten.
Warum Hochsensibilität und Hypervigilanz oft verwechselt werden
Sowohl hochsensible Menschen als auch Menschen mit Hypervigilanz nehmen ihre Umgebung häufig besonders intensiv wahr.
Sie bemerken kleinste Veränderungen, reagieren schnell auf Reize und fühlen sich in lauten oder unruhigen Situationen oftmals schneller erschöpft.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch häufig nicht in der Wahrnehmung selbst, sondern darin, warum das Nervensystem so aufmerksam ist. Derzeit wird es so gesehen:
Bei Hochsensibilität handelt es sich um eine angeborene Art der Informationsverarbeitung.
Bei Hypervigilanz dient die erhöhte Aufmerksamkeit vor allem dem Schutz vor einer als möglich empfundenen Gefahr.

5 mögliche Unterschiede zwischen Hochsensibilität und Hypervigilanz
Die folgenden Punkte spiegeln meine Erfahrungen aus der Begleitung hochsensibler Menschen sowie Erkenntnisse aus der Traumaarbeit wider. Sie sind keine Diagnosekriterien, sondern können erste Orientierung geben.
1. Erinnerungen an die Kindheit
|
Hochsensibilität: |
Hypervigilanz: |
|
Viele Hochsensible erinnern sich an eine intensive Kindheit. Häufig stehen dabei besondere Sinneseindrücke, starke Gefühle oder lebendige Erinnerungen im Vordergrund. |
Nach traumatischen Erfahrungen können Erinnerungslücken auftreten. Manche Menschen berichten davon, dass ganze Abschnitte ihrer Kindheit nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. |
2. Umgang mit belastenden Gefühlen
|
Hochsensibilität: |
Hypervigilanz: |
|
Viele Hochsensible versuchen eher, belastende Situationen zu vermeiden oder sich zurückzuziehen. Alkohol oder andere bewusstseinsverändernde Substanzen werden häufig als unangenehm erlebt. |
Manche Betroffene entwickeln Strategien, um innere Anspannung oder belastende Gefühle zu betäuben. Dazu kann auch ein problematischer Umgang mit Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen gehören. |
3. Verbindung zum eigenen Körper
|
Hochsensibilität: |
Hypervigilanz: |
|
Viele hochsensible Menschen nehmen ihren Körper und ihre Gefühle sehr differenziert wahr. Unter starkem Stress kann diese Wahrnehmung vorübergehend eingeschränkt sein. |
Nach traumatischen Erfahrungen berichten viele Menschen davon, sich zeitweise wie von ihrem Körper oder ihren Gefühlen abgeschnitten zu fühlen. Diese sogenannte Dissoziation ist ein bekannter Schutzmechanismus des Nervensystems. |
4. Vertrauen in andere Menschen
|
Hochsensibilität: |
Hypervigilanz: |
|
Viele Hochsensible begegnen anderen zunächst offen und wohlwollend, auch wenn sie Verletzungen selbstverständlich ebenso vorsichtig machen können wie jeden anderen Menschen. |
Wer schwere Verletzungen erlebt hat, entwickelt häufig ein starkes Schutzbedürfnis. Misstrauen, Schwierigkeiten beim Aufbau enger Beziehungen oder eine ständige Erwartung möglicher Enttäuschungen können die Folge sein. |
5. Das Erleben von Glück
|
Hochsensibilität: |
Hypervigilanz: |
|
Viele Hochsensible genießen kleine Glücksmomente besonders intensiv. Schönheit, Natur oder Musik können tiefe Freude auslösen. |
Menschen mit Hypervigilanz berichten häufiger davon, dass sie positiven Erfahrungen nur schwer vertrauen können oder ständig damit rechnen, dass „gleich wieder etwas Schlimmes passiert“. |
Hochsensibilität und Trauma schließen sich nicht aus
Die meisten Menschen erleben im Laufe ihres Lebens belastende oder sogar traumatische Situationen. Deshalb begegnen mir in meiner Praxis immer wieder hochsensible Menschen, deren natürliche Sensibilität zusätzlich von unverarbeiteten Erfahrungen überlagert wird.
Gerade deshalb halte ich es für wichtig, Hochsensibilität nicht vorschnell als Ursache aller Beschwerden anzusehen.
Manchmal lohnt sich der Blick auf das Nervensystem und die eigene Lebensgeschichte.

Was kannst du tun, wenn du dich wiedererkennst?
Wenn du beim Lesen das Gefühl hast, dass neben deiner Hochsensibilität auch unverarbeitete Belastungen eine Rolle spielen könnten, dann ist das bereits ein wertvoller erster Schritt.
Je nach Situation kann eine traumasensible Begleitung oder eine Traumatherapie sinnvoll sein.
In meiner eigenen Arbeit begleite ich Menschen unter anderem mit Biografiearbeit, Innerer-Kind-Arbeit, Ahnenarbeit sowie der sanften Methode THEKI® zur Transformation von Traumata. Dabei steht für mich nicht das erneute Durchleben des Schmerzes im Mittelpunkt, sondern das behutsame Erkennen und Lösen belastender Muster und Ursachen.
Darüber hinaus beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Frage, wie sich seelische Belastungen auch auf den Körper auswirken können.
Im Rahmen meiner Ernährungsberatung nach Anthony William Medical Medium® habe ich persönlich gute Erfahrungen damit gemacht, die körperliche Ebene in den Heilungsprozess einzubeziehen. Besonders die sogenannten Brain Shots empfinde ich als unterstützend.
Diese Erfahrungen beruhen auf meiner persönlichen Praxis und ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.
Mein Fazit
Beides kann sich sehr ähnlich zeigen – und doch ist der innere Ursprung oft ein anderer.
Je besser wir verstehen, was unser Nervensystem uns sagen möchte, desto liebevoller können wir mit uns selbst umgehen und den Weg wählen, der uns wirklich guttut.
Wie sind deine Erfahrungen?
Hast du dich lange ausschließlich für hochsensibel gehalten oder später erkannt, dass auch unverarbeitete Belastungen eine Rolle spielen könnten? Ich freue mich, wenn du deine Gedanken in den Kommentaren teilst.
Alles Liebe für dich und lebe deine zart starke Kraft!
Inga Dalhoff

Inga Dalhoff
ist Begleiterin für hochsensible und feinfühlige Menschen sowie Autorin von nachfolgenden Büchern.
www.zart-stark.de
Netzwerkmitglied für 82061 Neuried (D)
Bücher von Inga Dalhoff

INGA DALHOFF
Hochsensibel – einfach besser leben
120 Praxistipps für innere Ruhe, Selbstvertrauen und liebevolle Abgrenzung in Familie, Beruf und digitaler Welt.
> ISBN 978-3690920759

INGA DALHOFF
Mama ist voll gechillt
Ein Buch für Mamas und für Papas, Omas, Opas …
> ISBN 9783752622195

INGA DALHOFF
Lebe deine HerzKraft
Heilsames & Befreiendes für jeden Tag
> ISBN 9783756204045
