Fresh-Start-Effekt & Hochsensibilität: Die Kraft des Neuanfangs

Hochsensibilität: Die Kraft des Neuanfangs, Herbstblätter

(Von Jessica Ascher, Netzwerkmitglied für 72766 Reutlingen/D) Der Herbst ist da – auch wenn sich der Sommer zwischendurch noch einmal zurückmeldet. Morgens ist die Luft inzwischen deutlich kühler, die ersten Blätter verfärben sich und abends darf die etwas dickere Decke wieder mit ins Bett. Tee klingt auf einmal wieder erstaunlich gut, meine Eiswürfelform hält länger als einen halben Tag durch und die erste Duftkerze der Saison wurde auch schon feierlich angezündet (viele weitere werden folgen) 😉🕯️

Jessica Ascher, Netzwerkmitglied
Jessica Ascher

Und trotzdem gibt es sie noch, diese wunderbar warmen Tage, an denen man abends einfach noch eine Runde Rad fahren kann – in kurzer Hose durch die warme Dämmerung. Ich liebe genau diese Zeit dazwischen: Der Sommer ist noch nicht ganz weg und der Herbst gleichzeitig schon ziemlich deutlich da. Jede Jahreszeit hat etwas ganz Eigenes – und gerade dieser Übergang scheint etwas mit uns zu machen.

Denn während sich draußen in den letzten Wochen langsam die Stimmung verändert hat, habe ich fast zeitgleich auch in mir eine andere Energie bemerkt. Nach Wochen mit „Es ist heiß, bitte einfach nur existieren und möglichst wenig bewegen“ 😄 war da plötzlich wieder mehr Lust, Dinge anzupacken. Zu sortieren, Pläne zu machen, mich neu auszurichten.

Und genau da wurde ich neugierig: Warum fühlt sich ausgerechnet der September für viele von uns ein bisschen wie ein zweiter Jahresanfang an?

Turns out: Wir bilden uns diese Aufbruchsstimmung nicht einfach ein. Dahinter steckt tatsächlich ein ziemlich spannender psychologischer Effekt.

In diesem Artikel erfährst du:

🍂 warum wir im September plötzlich wieder Lust auf Veränderung bekommen,

🍂 was der psychologische „Fresh-Start-Effekt“ damit zu tun hat und

🍂 wie du diese neue Energie für dich nutzen kannst – ohne daraus das nächste Selbstoptimierungsprojekt zu machen.

Außerdem wartet am Ende meine Herbst-Bucketlist zum Download auf dich – für ein paar bewusst gesetzte positive Gegenpole und Dinge, auf die du dich in den kommenden Monaten freuen kannst. 🧡

Der Fresh-Start-Effekt: Warum unser Gehirn Neuanfänge mag

2014 beschrieben die Forschenden Hengchen Dai, Katherine Milkman und Jason Riis den sogenannten Fresh-Start-Effekt. Die Grundidee dahinter ist ziemlich simpel: Unser Gehirn orientiert sich gerne an zeitlichen Landmarken – also Momenten, die einen Abschnitt von einem anderen trennen. Neujahr. Geburtstage. Der erste Tag eines Monats. Montag. Der Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Solche Zeitpunkte können in unserem Kopf eine kleine Linie ziehen: Das war vorher. Und das hier ist jetzt. Diese mentale Trennung schafft Abstand zu bisherigen Gewohnheiten und kann dazu führen, dass unsere Wünsche und Ziele wieder stärker in den Vordergrund rücken. Vielleicht erklärt das auch, warum sich ein Montag irgendwie geeigneter für den Beginn einer neuen Gewohnheit anfühlt als ein völlig unspektakulärer Donnerstag. 😉

Und obwohl der September natürlich kein offizieller Jahresanfang ist, bringt er ziemlich viele solcher Neuanfang-Signale mit: Die Ferien- und Urlaubszeit geht zu Ende, Schulen starten wieder und nach diesem etwas zeitlosen Sommergefühl kehrt mehr Struktur in unseren Alltag zurück. Okay. Ein neuer Abschnitt beginnt.

Vielleicht war deine Herbstmotivation in den letzten Wochen also gar nicht so zufällig. Vielleicht war dein Gehirn einfach ziemlich empfänglich für einen Fresh Start.

Hochsensibilität: Die Kraft des Neuanfangs, Herbstblätter

Warum können Hochsensible diesen Übergang besonders deutlich spüren?

Hochsensibilität wird wissenschaftlich meist unter dem Begriff Sensory Processing Sensitivity (SPS) untersucht. Vereinfacht gesagt geht es dabei um eine erhöhte Sensitivität gegenüber inneren und äußeren Reizen und eine tiefere Verarbeitung von Erfahrungen.

Und gerade dieser Jahreszeitenwechsel bringt für unsere Sinne einiges mit sich: Das Licht hat sich verändert, die Tage werden spürbar kürzer, morgens ist die Luft kühler und die Temperaturen schwanken. Die Natur sieht anders aus, riecht anders, fühlt sich anders an. Viele kleine Veränderungen, die ein sensibles System durchaus deutlich wahrnehmen kann.

Und natürlich fühlt sich dieser Wechsel nicht für jede nach Aufbruch und neuer Energie an. Gerade wenn du Veränderungen und Reize intensiv verarbeitest, kann so ein Übergang auch erst einmal anstrengend sein oder das Bedürfnis nach mehr Rückzug und Ruhe mit sich bringen. Der Fresh-Start-Effekt ist also keine Aufforderung, jetzt plötzlich voller Tatendrang in den Herbst zu starten. 😉

Spannend dabei: Sensitivität bedeutet nicht nur, Belastendes stärker wahrzunehmen. Forschung zur sogenannten Environmental Sensitivity zeigt auch, dass sensiblere Menschen besonders von positiven und unterstützenden Umweltbedingungen profitieren können.

Und genau da wird es für mich interessant: Wenn unsere Umgebung Einfluss auf unser Wohlbefinden hat, können wir einen Teil davon auch bewusst mitgestalten.

Aber Achtung: Aus Fresh Start wird schnell Selbstoptimierung

Denn beim Wort „Neuanfang“ verfällt man schnell in folgende Muster, die wir alle sicherlich kennen: Mehr Sport. Gesünder essen. Weniger Handy. Früher schlafen. Mehr Struktur. Dieses Projekt endlich starten. Und meditieren wollten wir doch auch wieder regelmäßig

Und schwupps haben wir aus einer eigentlich schönen neuen Energie eine Liste gebaut, an der wir uns spätestens im Oktober messen können. 😉

Vielleicht nutzen wir diese Fresh-Start-Energie deshalb dieses Mal anders. Nicht mit der inneren Haltung:

Was muss ich diesen Herbst alles besser machen?

Sondern:

Wie möchte ich mich in diesem Herbst eigentlich fühlen?

Und genau hier lohnt es sich, diese Energie nicht sofort mit Plänen und Vorhaben vollzupacken, sondern erst einmal zu schauen, wofür du sie eigentlich nutzen möchtest.

Vielleicht gibt es etwas aus dem Sommer, das du gerne mitnehmen möchtest. Etwas, das sich überraschend gut angefühlt hat. Vielleicht gibt es aber auch Dinge, die mit dem zurückgekehrten Alltag nicht automatisch wieder einen Platz bekommen sollen. Dafür habe ich dir drei Reflexionsfragen als Orientierung mitgebracht.

Hochsensibilität: Die Kraft des Neuanfangs, Herbstblätter

Die drei Fragen für deinen persönlichen Fresh Start

Bevor du also zehn neue Routinen etablierst, beantworte für dich lieber diese drei Fragen:

1. Was hat sich diesen Sommer überraschend gut angefühlt und verdient einen Platz in meinem normalen Alltag?

Vielleicht langsamere Morgende, mehr Zeit draußen zu verbringen, weniger Termine, mehr Spontanität oder das Handy öfter einfach liegen zu lassen.

2. Was möchte ich diesen Herbst nicht automatisch wieder aufnehmen, nur weil der Alltag zurückgekehrt ist?

Vielleicht einen zu vollen Kalender, ständige Erreichbarkeit, eine bestimmte Verpflichtung oder den Anspruch, wieder überall gleichzeitig funktionieren zu müssen.

3. Wenn ich Ende November zurückblicke: Was würde mich denken lassen: „Das war ein richtig guter Herbst für mich“?

Nicht: Was habe ich alles abgehakt? Sondern: Womit möchte ich meinen Herbst füllen? Was gibt mir Energie, Freude und vielleicht sogar ein bisschen kindliche Herbst-Magie?

Bewusst positive Gegenpole schaffen

Und genau deshalb mag ich eine kleine Herbst-Bucketlist. Nicht als weitere To-do-Liste, sondern als Sammlung von Dingen, auf die du dich freuen kannst. Ganz wichtig dabei: Sie sollte natürlich zu dir und deinen Vorlieben passen.

Gerade wenn im Alltag wieder mehr Termine und Anforderungen da sind und gleichzeitig Sonnenstunden, Wärme und diese gewisse Sommer-Leichtigkeit weniger werden, können wir bewusst positive Gegenpole schaffen: einen Waldspaziergang, einen gemütlichen Filmabend, etwas mit Zimt backen, einen freien Sonntag für eine Herbstaktivität, ein neues Buch oder endlich wieder den Menschen treffen, bei dem wir jedes Mal denken: Warum machen wir das eigentlich nicht öfter?

Keine weltbewegenden Dinge. Sondern kleine Kraftinseln, die unserem Alltag etwas Schönes entgegensetzen und auf die wir uns schon vorher freuen können.

Vielleicht ist genau das eine gute Art, den Fresh-Start-Effekt für uns zu nutzen: nicht, um im Herbst eine bessere Version von uns selbst zu werden, sondern um kurz innezuhalten und zu schauen:

Was möchte ich aus diesem neuen Abschnitt machen – und was darf diesmal vielleicht draußen bleiben?

Wir können nicht alles beeinflussen, was die kommenden Monate bringen, ganz klar! Aber wir können mitgestalten, wie wir ihnen begegnen.

Also genieß die warmen Tage, wenn der Spätsommer sich noch einmal blicken lässt, und gleichzeitig all das, was der Herbst jetzt mitbringt. Und vielleicht schnappst du dir die Herbst-Bucketlist und sammelst dir ein paar Dinge, auf die du dich in den nächsten Monaten so richtig freust. Einfach für dich. Für deinen Herbst.

Denn wenn wir nicht selbst ein bisschen Magie in unser Erwachsenenleben streuen – wer soll es dann tun? 😉✨

Hab einen wunderschönen Start in diese neue Jahreszeit,

Jessy

Jessica Ascher, Netzwerkmitglied

Jessica Ascher

Mentaltrainerin für Hochsensibilität und Stressmanagement
www.jessicaascher.com

Netzwerkmitglied für 72766 Reutlingen (D)

Wissenschaftlicher Hintergrund:

  • Dai, H., Milkman, K. L. & Riis, J. (2014): The Fresh Start Effect: Temporal Landmarks Motivate Aspirational Behavior. Management Science, 60(10), 2563–2582.
  • Greven, C. U. et al. (2019): Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 98, 287–305.

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