Warum hochsensible Personen immer wieder ähnlich reagieren

Grüner Schmetterling

(Von Susanne Bürger, Netzwerkmitglied für 51375 Leverkusen/D) Wahrscheinlich kennst du Folgendes sehr gut: Jemand sagt etwas, und obwohl die Situation längst vorbei ist, beschäftigt dich die Bemerkung noch Stunden oder sogar Tage später.

Susanne Bürger, Netzwerkmitglied
Susanne Bürger

Du gehst das Gespräch immer wieder durch, überlegst, wie es gemeint war, und fragst dich vielleicht, warum dich diese Worte so getroffen haben.

Vielleicht hast du dir schon oft vorgenommen, beim nächsten Mal gelassener zu reagieren. Und trotzdem passiert es wieder.

Warum ist das so?

Und müssen wir tatsächlich immer wieder auf dieselbe Weise reagieren, nur weil wir es bisher so getan haben?

Ich möchte dir heute gerne einen anderen Blick auf solche Situationen ermöglichen, indem wir einen kurzen step zur Seite wagen. Die Forschung der amerikanischen Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett* eröffnet eine interessante Perspektive auf diese Fragen. Sie beschäftigt sich damit, wie Emotionen entstehen und welche Rolle unsere bisherigen Erfahrungen dabei spielen.

Für hochsensible Menschen ist das besonders interessant. Denn wer Eindrücke intensiv wahrnimmt und lange nachverarbeitet, kennt möglicherweise die Erfahrung, dass eine Situation emotional noch lange nachwirkt, obwohl sie äußerlich längst beendet ist.

Wie entstehen unsere emotionalen Reaktionen?

Lange Zeit wurde die Forschung über Emotionen stark von der Vorstellung geprägt, dass bestimmte grundlegende Emotionen biologisch verankert sind und sich in charakteristischen Gesichtsausdrücken zeigen. Der * wurde insbesondere durch seine Untersuchungen zu kulturübergreifend erkennbaren Gesichtsausdrücken bekannt.

Lisa Feldman Barrett* stellt einige zentrale Annahmen dieses Ansatzes infrage. Ihrer Theorie der konstruierten Emotionen zufolge entstehen Emotionen nicht einfach dadurch, dass ein bestimmter Reiz automatisch eine festgelegte Reaktion auslöst.

Vielmehr wirken verschiedene Faktoren zusammen: unsere bisherigen Erfahrungen, unsere Erwartungen, körperliche Signale und die jeweilige Situation.

Unser Gehirn verarbeitet also nicht nur, was gerade geschieht. Es nutzt auch Informationen darüber, was wir bereits kennen und womit wir aufgrund unserer Erfahrungen rechnen.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Gefühle bewusst auswählen oder beliebig verändern können. Es bedeutet vielmehr, dass unser emotionales Erleben auch von der Bedeutung beeinflusst wird, die eine Situation für uns erhält.

Warum dieselbe Bemerkung Menschen unterschiedlich trifft

Stellen wir uns vor, eine Kollegin sagt zu dir: „Das hätte ich mir von dir anders gewünscht.“

Vielleicht nimmst du die Bemerkung als sachliche Rückmeldung wahr. Vielleicht bist du enttäuscht. Vielleicht entsteht sofort die Sorge, nicht gut genug zu sein oder jemanden enttäuscht zu haben.

Der Satz ist derselbe. Das emotionale Erleben kann jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.

Wenn du in der Vergangenheit häufig erlebt hast, dass Fehler kritisiert oder mit Abwertung verbunden wurden, kann eine heutige Rückmeldung Erinnerungen an diese Erfahrungen berühren. Vielleicht möchtest du dich sofort rechtfertigen. Vielleicht ziehst du dich zurück. Oder du versuchst, die Situation gedanklich so lange zu analysieren, bis du endlich eine Erklärung gefunden hast.

Das muss nicht bewusst geschehen.

Es kann sein, dass du zunächst auf eine vertraute Weise reagierst, bevor du überhaupt darüber nachdenken kannst, was gerade passiert ist.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Nicht jede schmerzhafte Reaktion beruht auf einer Fehlinterpretation. Manchmal ist Kritik tatsächlich ungerecht oder eine Grenze wurde überschritten. Unsere bisherigen Erfahrungen beeinflussen möglicherweise, wie wir eine Situation erleben, sagen aber nicht automatisch etwas darüber aus, ob das Verhalten des Gegenübers in Ordnung war.

Schmetterling auf Gänseblümchen

Was hat das mit Hochsensibilität zu tun?

Hochsensible Menschen beschreiben häufig, dass sie ihre Umgebung intensiv wahrnehmen, viele Einzelheiten bemerken und Erlebnisse gründlich nachverarbeiten.

In der Forschung wird Hochsensibilität unter anderem mit dem Konzept der „Sensory Processing Sensitivity“ untersucht. Dabei geht es um individuelle Unterschiede in der Sensitivität gegenüber Umweltreizen und in der Verarbeitung von Informationen.

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass alle hochsensiblen Menschen gleich auf Kritik reagieren oder grundsätzlich verletzlicher sind als andere:

  • Vielleicht trifft dich eine Bemerkung besonders stark.
  • Vielleicht bemerkst du kleinste Veränderungen im Tonfall eines Gesprächs.
  • Vielleicht beschäftigst du dich anschließend lange damit, ob du etwas falsch gemacht hast.

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen: Was gehört tatsächlich zur aktuellen Situation? Welche Bedeutung gibst du dem Geschehen? Und welche Erfahrungen könnten beeinflussen, wie du die Situation erlebst?

Hochsensibilität kann ein Teil der Erklärung sein. Sie muss aber nicht die einzige Erklärung sein.

Warum wir manchmal immer wieder ähnlich reagieren

Wenn wir in bestimmten Situationen häufig ähnlich reagieren, kann sich ein vertrautes Muster entwickeln.

  • Vielleicht hast du gelernt, Kritik möglichst schnell auszuräumen, weil dir Harmonie wichtig ist.
  • Vielleicht versuchst du, Fehler unbedingt zu vermeiden, weil du hohe Ansprüche an dich selbst stellst.
  • Vielleicht beschäftigt dich die Frage, ob andere noch zufrieden mit dir sind, weil dir die Beziehung zu ihnen besonders wichtig ist.

Solche Reaktionsweisen können aus früheren Erfahrungen hervorgegangen sein. Sie sind nicht zwangsläufig falsch. In manchen Situationen helfen sie uns sogar.

Problematisch wird es, wenn wir nur noch auf diese vertraute Weise reagieren können, obwohl wir uns eigentlich etwas anderes wünschen.

Wenn du beispielsweise nach jeder kritischen Bemerkung stundenlang grübelst, kostet dich das Kraft. Wenn du dich bei Konflikten regelmäßig zurückziehst, obwohl du eigentlich etwas klären möchtest, bleiben möglicherweise wichtige Fragen offen.

Die gute Nachricht ist: Vertraute Reaktionsweisen müssen nicht unveränderlich bleiben.

Wie du als hochsensibler Mensch neue Reaktionsmöglichkeiten entwickeln kannst

Du musst nicht verhindern, dass dich etwas berührt. Und du musst auch nicht lernen, jede Kritik gelassen hinzunehmen.

Es kann bereits hilfreich sein, deine Reaktion bewusster wahrzunehmen und zwischen dem Geschehen, deiner Interpretation und deinem nächsten Schritt zu unterscheiden.

1. Nimm wahr, was gerade in dir passiert.

Vielleicht spürst du Enttäuschung, Ärger, Scham oder den Impuls, dich zu rechtfertigen. Versuche zunächst, diese Reaktion auf körperlicher Ebene wahrzunehmen, ohne dich zusätzlich dafür zu kritisieren.

2. Unterscheide zwischen dem, was passiert ist, und dem, was du daraus schließt.

Was wurde tatsächlich gesagt? Und welche Bedeutung gibst du der Aussage?

Aus „Meine Kollegin war mit meiner Arbeit nicht zufrieden“ kann schnell der Gedanke werden: „Ich mache immer alles falsch.“

Das eine ist eine konkrete Rückmeldung. Das andere ist eine weitreichende Bewertung deiner Person.

3. Prüfe, ob etwas ungeklärt geblieben ist.

Vielleicht hast du die Kritik missverstanden. Vielleicht war sie tatsächlich unangemessen. Vielleicht fehlt dir eine Erklärung.

Nicht jede Situation lässt sich allein durch Nachdenken klären. Manchmal ist es sinnvoller, eine Frage zu stellen oder eine Grenze zu benennen.

4. Erlaube dir, anders zu reagieren als bisher.

Wenn du dich normalerweise sofort rechtfertigst, kannst du zunächst nachfragen, was genau gemeint ist.

Wenn du dich bei Konflikten zurückziehst, kannst du dir überlegen, ob ein klärendes Gespräch hilfreich wäre.

Wenn du lange grübelst, kannst du prüfen, ob dein Nachdenken noch neue Erkenntnisse bringt oder ob du dieselben Gedanken wiederholst.

Du musst nicht sofort alles anders machen.

Auch kleine neue Erfahrungen können dir helfen, weitere Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.

Violetter Schmetterling

Veränderung beginnt mit einer neuen Erfahrung

Vielleicht hast du lange geglaubt, dass Kritik bedeutet, nicht gut genug zu sein. Vielleicht hast du erlebt, dass Konflikte Beziehungen gefährden. Oder du hast gelernt, dass du für die Gefühle anderer verantwortlich bist.

Solche Erfahrungen können beeinflussen, wie du heute auf bestimmte Situationen reagierst.

Du kannst deine Vergangenheit nicht verändern. Aber du kannst neue Erfahrungen machen.

Du kannst erleben, dass eine kritische Rückmeldung nicht deinen gesamten Wert infrage stellt. Dass ein Konflikt ausgesprochen werden darf. Dass du nicht jede Enttäuschung eines anderen Menschen verhindern musst. Und dass du eine unangenehme Emotion aushalten kannst, ohne sofort handeln zu müssen.

Das bedeutet nicht, dass jede Reaktion allein durch bewusstes Nachdenken verändert werden kann. Manche Muster sind hartnäckig und benötigen Zeit, Übung oder professionelle Unterstützung.

Doch du musst nicht jede vertraute Reaktion wiederholen.

Vielleicht besteht der erste Schritt nicht darin, künftig weniger sensibel zu sein. Vielleicht besteht er darin, besser zu verstehen, was in dir passiert, wenn dich etwas trifft.

Und dann herauszufinden, welche Möglichkeiten du heute hast, die dir früher vielleicht noch nicht zur Verfügung standen.

Ich würde mich freuen, wenn ich dich hier dazu ermutigen kann, den Raum zwischen Reiz (was passiert hier gerade) und Reaktion (wie reagiere ich meistens in dieser Situation) spielerisch für dich zu erforschen. Erforschen, was gesünder und sich vielleicht auch selbstbestimmter für dich anfühlt.

Die Erfahrung zeigt, je selbstbestimmter und freier wir uns in unserem Handeln fühlen, desto glücklicher und zufriedener sind wir.

Viel Freude beim Ausprobieren.

Susanne Bürger

Susanne Bürger, Netzwerkmitglied

Susanne Bürger

ist systemischer Coach und Buchautorin
www.susannebuerger.com

Netzwerkmitglied für 51375 Leverkusen

*) Quellen zum Artikel:

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