Warum hochsensible Menschen oft nicht abschalten können

Warum hochsensible Menschen oft nicht abschalten können, grübelnde Frau

(Von Marion Elsinghorst) Obwohl sie Pausen machen, können viele hochsensible Menschen nicht abschalten. Viele kennen dieses Paradox: Sie ziehen sich zurück, gestalten ihren Alltag bewusster und nehmen sich Zeit zur Erholung – und fühlen sich trotzdem nicht wirklich regeneriert.

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Marion Elsinghorst

Der Körper kommt zur Ruhe, der Kopf arbeitet aber weiter.

Themen laufen innerlich mit, auch wenn äußerlich nichts mehr zu tun ist.

Das Gefühl, nicht abschalten zu können, gehört zu den häufigsten Erfahrungen hochsensibler Menschen. Und doch wird es oft missverstanden als Stressproblem, mangelnde Selbstfürsorge oder fehlende Erholung. Tatsächlich liegt die Ursache meist tiefer.

Hochsensibilität und Abschalten: Warum Erholung oft nicht greift

Hochsensible Menschen verarbeiten Reize intensiver und umfassender. Sie denken vernetzt, behalten Zusammenhänge im Blick und registrieren auch das, was unausgesprochen bleibt.

Diese Form der Wahrnehmung endet nicht automatisch mit dem Feierabend oder mit Zeiten der Ruhe.

Äußere Entlastung allein reicht nicht aus: Entscheidend ist, was innerlich weiterläuft. Viele Hochsensible bleiben auch in ruhigen Phasen aufmerksam.

Gedanken kreisen um offene Themen, unausgesprochene Erwartungen oder mögliche Entwicklungen. Das Nervensystem bleibt in Bereitschaft, obwohl äußerlich nichts passiert.

Deshalb fühlt sich Erholung oft unvollständig an.

Warum hochsensible Menschen innerlich zuständig bleiben

Ein zentraler Grund dafür liegt in einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl. Hochsensible Menschen spüren früh, wo etwas noch ungeklärt ist.

Sie erkennen, wenn Zusammenhänge offen bleiben oder Verantwortung nicht klar geregelt ist. Daraus entsteht innerlich der Impuls, aufmerksam zu bleiben. Auch dann, wenn objektiv keine Handlung mehr nötig wäre. Im Laufe der Zeit entstehen so innere Verpflichtungen:

  • Dinge im Blick behalten
  • mögliche Entwicklungen mitdenken
  • Verantwortung gedanklich weitertragen

Diese Verpflichtungen sind nicht immer bewusst entschieden. Sie haben sich häufig schrittweise angehäuft. Genau das verhindert echtes Abschalten – nicht fehlende Ruhezeiten, sondern zu viele innere Aufträge.

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Hochsensibilität im Alltag: Funktionieren trotz Anspannung

Im Alltag zeigt sich dieses Muster oft sehr subtil. Hochsensible Menschen wirken leistungsfähig, organisiert und stabil. Sie erfüllen ihre Aufgaben, treffen Entscheidungen und halten Abläufe zuverlässig aufrecht.

Gleichzeitig bleibt eine Grundanspannung bestehen. Zeiten der Ruhe werden genutzt, bringen jedoch keine spürbare Entlastung.

Selbst in stillen Momenten bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit aktiv.

„Ich sitze – aber gedanklich arbeite ich weiter.“ Diese Form der Überforderung ist leise, aber dauerhaft. Sie entsteht nicht durch zu viel Tun, sondern durch zu viel innerlich Getragenes.

Wie Abschalten wieder möglich wird

Abschalten beginnt nicht im Außen, sondern mit Klarheit. Es geht darum, Wahrnehmung und Verantwortung bewusst voneinander zu unterscheiden.

Hochsensibilität ist eine Stärke. Gleichzeitig gilt:

Nicht alles, was aufgenommen wird, erfordert unmittelbares Handeln.

Diese innere Differenzierung schafft Orientierung und entlastet.

Im Coaching zeigt sich häufig, dass sich das Erleben von Zeiten der Ruhe deutlich verändert, sobald innere Zuständigkeiten bewusst geprüft und neu geordnet werden. Erst dann kann sich das Nervensystem regulieren und zur Ruhe kommen.

Abschalten wird möglich, wenn das System weiß: Ich bin gerade nicht zuständig.

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Konkrete Impulse zur Selbstklärung

  • Welche Themen laufen gedanklich weiter, obwohl aktuell nichts zu tun ist?
  • Wo habe ich etwas übernommen, ohne es bewusst entschieden zu haben?
  • Was davon gehört tatsächlich zu meinem Verantwortungsbereich?

Ein neuer Blick auf Erholung

Erholung bedeutet für hochsensible Menschen nicht Rückzug allein, sondern innere Entlastung. Erst wenn Verantwortungsbereiche klar geführt sind, können Zeiten der Ruhe ihre Wirkung entfalten. Viele erleben dann:

  • ruhigere Gedanken
  • leichteres Abschalten
  • tiefere Regeneration
  • mehr innere Freiheit im Alltag

Marion Elsinghorst

Marion Elsinghorst

m | e lnner Leadership, Mental & Life Coaching, www.marionelsinghorst.de, Netzwerkmitglied für 46399 Bocholt (D)

Häufige Fragen (FAQs)

Warum können hochsensible Menschen schlecht abschalten?

Nicht wegen mangelnder Erholungszeiten, sondern wegen eines ausgeprägten inneren Verantwortungsgefühls.

Ist das „Nicht-abschalten-Können“ ein Zeichen von Überforderung?

Nicht unbedingt. Oft handelt es sich um eine dauerhafte innere Anspannung, nicht um akuten Stress.

Hilft mehr Selbstfürsorge, wenn ich nicht mehr abschalten kann?

Selbstfürsorge wirkt erst dann nachhaltig, wenn innere Zuständigkeiten geklärt sind. Wenn du merkst, dass Zeiten der Ruhe nicht mehr entlasten und Abschalten schwerfällt, kann es hilfreich sein, die eigenen inneren Zuständigkeiten neu zu ordnen. Ein erstes Gespräch kann dabei Klarheit schaffen.

2 Kommentare

  1. Hier ist so gut beschrieben, wie es mir geht!
    Es ist so wichtig alles zu klären, was nicht der Wahrhaftigkeit entspricht! Leider ist dass nicht immer möglich, weil die nötige Kraft oder der Mut fehlt. Darum ist es so wichtig, dass wir lernen für uns einzutreten. Das hat natürlich etwas mit Selbstliebe zu tun, denn sie stärkt uns den Rücken! Es ist nicht immer wichtig alles zu klären, man muss abschätzen ob es wert ist die wenige Energie, die uns zur Verfügung steht, einzusetzen oder einfach abzuschließen. Ich habe es so für mich so geregelt, wenn es nicht aus meinem Kopf rauszubringen ist muss ich handeln!
    Wenn es mich innerlich auffrisst, dann muss ich handeln!
    Sonst kann ich keinen Schritt weitergehen, es erzeugt Druck und führt mich in eine Art Depression. Erst wenn es ausgesprochen ist, egal ob es zu einem positiven oder negativen Abschluss kommt fühle ich mich befreit und kann zur Ruhe kommen!
    Jeder muss lernen zu entscheiden was Hilfe bringt oder ob es mir noch mehr Schaden zufügt. Das ist eine Gradwanderung, aber je besser man sich selbst kennt und liebt, desto eindeutiger wird die Entscheidung fallen! Eines ist sicher, ich muss nicht alles ertragen, und ich habe das Recht auf Klärung der Dinge, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen!

    Ich wünsche euch, die Entscheidungskraft, damit ihr ein besseres, leichteres Leben führen könnt, und dann noch den Mut habt es umzusetzen !
    Unser Leben ist so schon oft schwer genug und deshalb ist es wichtig unnötige Belastungen abzuwerfen!
    Wir haben es uns verdient! Jeder hat das Recht wertgeschätzt zu werden und niemand hat das Recht uns zu demütigen und uns in Ruhelosigkeit zu versetzen!
    Mit diesen Worten, wünsche ich euch einen schönen Tag und denkt daran wir sind es wert!

    1. Liebe Romana,
      danke für deinen offenen Kommentar und das Teilen deiner Erfahrung.
      Du beschreibst sehr nachvollziehbar, wie belastend es sein kann, wenn Themen ungeklärt innerlich weiterlaufen und keine Ruhe zulassen.
      Oft ist genau die innere Unterscheidung zwischen Wahrnehmen und Zuständigkeit der Punkt, an dem wieder Orientierung und Entlastung möglich werden.

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