Warum fühlen sich Hochsensible so oft leer
(Von Susanne Hillar) Du nimmst alles wahr. Die Stimmung im Raum. Die unausgesprochene Spannung im Gespräch. Den Gesichtsausdruck, den andere gar nicht registrieren. Du bist hochsensibel – du könntest so tief fühlen.

Und trotzdem ist da oft einfach nur – nix.
Du funktionierst. Du erledigst, was erledigt werden muss. Du bist für andere da. Leidest vielleicht auch mit anderen mit.
Aber wenn du abends zur Ruhe kommst und mal ehrlich in dich reinhörst – da ist irgendwie nicht viel. Kein richtiges Fühlen. Kein Ankommen. Nur diese blöde, stille Leere. Meistens in Kombi mit Unruhe.
Hochsensibel und leer – wie passt das zusammen?
Hochsensible Menschen nehmen so viel mehr wahr als andere. Und genau deshalb war der Schutzwall bei vielen irgendwann besonders hoch. Wer so intensiv fühlt, hat oft früh gelernt: Das ist zu viel. Für mich. Für andere. Also runter damit.
Das Paradoxe:
Die Menschen, die eigentlich am tiefsten fühlen könnten, sind manchmal am stärksten von sich selbst abgeschnitten.
Nicht weil sie nicht fühlen wollen – sondern weil sie irgendwann aufgehört haben, sich das zu erlauben.
Diese Leere kommt oft nicht mal von dir
Das ist der Teil, der viele erstmal überrascht.
Unsere Vorfahren haben Zeiten erlebt, in denen Fühlen nicht sicher war.
Krieg. Verlust. Armut. Situationen, in denen man funktionieren musste, weil das Überleben davon abhing. Das Nervensystem hat abgeschaltet – zum Schutz. Und dieser Schutz wurde epigenetisch weitergegeben. An die nächste Generation. Und die übernächste.
Das nennen wir transgenerationales Trauma, das – auch Generationen später noch ins uns nachhallt. Wie ein Echo.
Und diese Apathie – die innere Leere, dieses Nicht-richtig-da-sein – ist eine seiner häufigsten Ausdrucksformen.
Du trägst vielleicht die unverarbeiteten Gefühle deiner Vorfahren mit dir. Ohne es je so entschieden zu haben.

Und dann ist da noch das, was dein inneres Kind beschlossen hat
Neben dem, was über Generationen weitergegeben wurde, gibt es noch eine zweite Ebene.
Wenn Gefühle in der Kindheit immer wieder zu viel waren für das Umfeld – wenn Weinen nicht okay war, wenn Wut bestraft wurde, wenn Traurigkeit ignoriert wurde – dann trifft das Kind irgendwann unterbewusst die Entscheidung:
Ich fühle nicht mehr. Dann bin ich nicht zu viel. Dann bin ich sicher.
Das war damals echter Selbstschutz. Und heute merkst du vielleicht: Du weißt, dass du jemanden liebst – aber du kommst nicht richtig ran. Als wäre da eine Glasscheibe zwischen dir und dem Gefühl. Du bist da. Aber nicht wirklich da.
Ein Hinweis, der mir wichtig ist
Innere Leere und emotionale Taubheit können auch Symptome einer Depression sein. Wenn du merkst, dass da mehr ist, hol dir bitte therapeutische Unterstützung. Das ist kein Entweder-oder.
Wir können gleichzeitig nach dem Ursprung schauen.
Nach den alten Mustern, nach dem transgenerationalen Erbe. Wichtig: Du musst da nicht alleine durch.
Hochsensible Männer und Gefühle
Gerade bei Jungs und Männern sitzt diese Leere oft noch tiefer – durch gesellschaftliche Erwartungen, durch Generationen von „ein Mann zeigt keine Gefühle“ – auch das sitzt tief im System verankert und darf angeschaut werden und gelöst werden.

Fühlen darf sich sicher anfühlen
Es gibt Wege, transgenerationales Trauma aufzulösen und wie wir unserem inneren Kind wieder Sicherheit geben können. Ihm zu zeigen: Es ist vorbei. Du musst dich nicht mehr schützen.
Und nach und nach darf sich Fühlen wieder sicher anfühlen.
Nicht als große Erkenntnis – sondern als leises, stabiles Gefühl: Ich halte das aus. Ich gehe davon nicht kaputt.
Damit auch Gefühle wie Freude, Lebendigkeit und Glück wieder Platz haben.
In Folge 25 meines Podcasts Sensitive Space spreche ich ausführlich über genau das – hör gerne rein.
Alles Liebe für dich,
Susanne
Susanne Hillar
ist systemischer Kinder-, Jugend- und Erwachsenencoach
www.susannehillar.de
Netzwerkmitglied für 50733 Köln (D)
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Weil ein sehr sensibles Nervensystem oft früh gelernt hat, Gefühle herunterzufahren, damit es nicht „zu viel“ wird. Dann funktioniert man zwar zuverlässig, ist aber innerlich teilweise vom eigenen Fühlen abgetrennt.
Wenn du tagsüber viel aufnimmst und für andere da bist, kann dein System in einen Schutzmodus gehen und Emotionen dämpfen. Dann bleibt eher eine stille Leere mit Unruhe, statt echtes Ankommen in dir selbst.
Ja — wenn Weinen, Wut oder Traurigkeit früher abgewertet oder bestraft wurden, kann das Kind unbewusst entscheiden: „Ich fühle weniger, dann bin ich sicher.“ Später zeigt sich das wie eine „Glasscheibe“ zwischen dir und deinen eigenen Gefühlen.
In Krisenzeiten wie Krieg, Verlust oder Armut musste man oft funktionieren, und das Nervensystem hat Gefühle zum Überleben abgeschaltet. Solche Schutzmuster können über Generationen nachwirken und sich heute als Apathie oder „Nicht-richtig-da-sein“ zeigen.
Emotionale Taubheit und Leere können auch Symptome einer Depression sein. Wenn dich das stark belastet oder du das Gefühl hast, „da ist mehr“, ist therapeutische Unterstützung sinnvoll.
