Was ist Neurodivergenz – und bin ich vielleicht neurodivergent?

Was ist Neurodivergenz, Grafik vielen Menschen

(Von Jessica Ascher, Netzwerkmitglied für 72766 Reutlingen/D) Ein Gedanke vorweg: Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Irgendwie funktionierst du anders als viele Menschen um dich herum. Du bist schneller reizüberflutet, denkst anders, fühlst intensiver oder fragst dich schon lange, warum manche Dinge dich so viel mehr Kraft kosten als andere.

Jessica Ascher, Netzwerkmitglied
Jessica Ascher

Spätestens dann begegnen dir Begriffe wie ADHS, Autismus, Hochsensibilität oder Neurodivergenz.

Doch je mehr man darüber liest, desto größer wird oft die Verwirrung.

Genau hier setzt dieser Artikel an. Er ordnet das Thema wissenschaftlich fundiert ein, erklärt die wichtigsten Begriffe verständlich und lädt gleichzeitig zu einem Perspektivwechsel ein: Weg von der Frage nach der richtigen Diagnose – hin zum Verständnis des Menschen als System.

Denn oft verändert nicht das Label unser Leben, sondern das Verständnis dafür, wie unser eigenes System funktioniert – und welche Bedingungen es braucht, um gesund und im Gleichgewicht zu bleiben. Ein wichtiger Artikel, der zur Sensibilisierung und Entstigmatisierung beitragen soll, weiterleiten erlaubt und erwünscht 😉 Viel Spaß!

Buchempfehlungen zu diesem Thema:

  • Saskia Niechzial „Ein Kopf voll Gold – was neurodivergente Kinder brauchen und wie wir sie stärken können“
  • Jenara Nerenberg „Divergent Mind – thriving in a world that wasn‘t designed for you“

Meine weiteren genutzten Quellen findest du am Ende des Artikels. Wer gern auditiv lernt, dem empfehle ich das 2,5-minütige Video der Apotheken Umschau  https://www.apotheken-umschau.de/video/fastfacts/neurodivergent-vs-neurotypisch

Neurodiversität, neurotypisch oder neurodivergent – was ist eigentlich der Unterschied?

Die Begriffe werden oft synonym verwendet, beschreiben aber Unterschiedliches. Um hier ein gemeinsames Verständnis zu haben, was denn was ist, werde ich die Begriffe einmal kurz erläutern.

Neurodiversität (von „neurologisch“ und „Diversität“) bezeichnet die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und Nervensysteme. Der Begriff entstand in den 1990er Jahren in autistischen Communities und wurde unter anderem von der Soziologin Judy Singer weiterentwickelt.

Neurodivers beschreibt eine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Profilen – beispielsweise eine Schulklasse, ein Team oder eine Gesellschaft. Eine Gruppe kann neurodivers sein, ein einzelner Mensch nicht.

Neurodivergent (Begriff geprägt von Kassiane Asasumasu im Jahr 2000) bezeichnet eine Person, deren neurologische Verarbeitung deutlich von dem abweicht, was gesellschaftlich oder statistisch als typisch gilt. Dazu werden heute häufig beispielsweise Autismus, ADHS oder andere neurokognitive Besonderheiten gezählt.

Neurodivergenz beschreibt das zugrunde liegende Phänomen dieser neurologischen Andersartigkeit. Wichtig: Neurodivergenz ist kein medizinischer Diagnosebegriff, sondern ein Rahmenkonzept zur Beschreibung neurologischer Vielfalt.

Neurotypisch bezeichnet Menschen, deren neurologische Verarbeitung eher dem gesellschaftlichen Durchschnitt entspricht.

Kurz gesagt:

  • Neurodiversität bezeichnet die Vielfalt menschlicher Gehirne insgesamt.
  • Neurodivers ist z.B. eine Gruppe mit unterschiedlichen neurologischen Profilen.
  • Neurodivergenz ist das Phänomen einer vom Durchschnitt abweichenden neurologischen Verarbeitung.
  • Neurodivergent ist eine Person mit einer solchen Verarbeitungsweise.
  • Neurotypisch ist eine Person mit einer eher durchschnittlichen Verarbeitungsweise.
Was ist Neurodivergenz, Grafik Frau

Ist Neurodivergenz ein Modewort?

Jein.

Der Begriff ist nicht neu, sondern seit den 1990er Jahren im Umlauf. Neu ist vor allem die Sichtbarkeit. Durch soziale Medien, Podcasts und die wachsende Diskussion über mentale Gesundheit, ADHS, Autismus, Hochsensibilität und Erschöpfung finden viele Menschen heute erstmals Worte für Erfahrungen, die sie schon lange kennen.

Das ist grundsätzlich positiv, denn: Sprache schafft Verständnis.

Gleichzeitig steckt das Thema noch in einer frühen gesellschaftlichen Phase. Begriffe werden unterschiedlich genutzt, persönliche Erfahrungen und wissenschaftliche Diagnosen vermischen sich und nicht jede Selbstbeschreibung entspricht automatisch einer klinischen Einordnung.

Deshalb gilt beides gleichzeitig:

Nicht alles ist „nur Trend“ – aber auch nicht jedes Wort ist bereits wissenschaftlich klar abgegrenzt.

Warum das Thema mehr ist als ein Trend

Die Neurodiversitätsbewegung setzt sich dafür ein, neurologische Unterschiede nicht grundsätzlich als Defizit zu betrachten. Gleichzeitig stoßen viele Menschen im Alltag auf eine Welt, die überwiegend für neurotypische Verarbeitungsweisen gebaut ist – in Schule, Arbeit, Beziehungen und Reizumgebungen.

Genau deshalb lohnt sich der Blick auf das Thema.

Die entscheidende Frage ist dabei oft nicht, ob jemand neurodivergent ist oder nicht. Sondern:

Wie funktioniert mein eigenes System – und was brauche ich, damit es stabil bleiben kann?

Das Verständnis solcher Unterschiede hilft, Belastungen früher zu erkennen, Bedürfnisse ernst zu nehmen und passende Wege im Umgang mit sich selbst zu finden.

Nicht jede Schwierigkeit braucht eine Diagnose. Aber jede Schwierigkeit verdient Aufmerksamkeit.

Denn wenn Menschen verstehen, warum sie so denken, fühlen oder reagieren, entsteht oft etwas Entscheidendes: weniger Selbstzweifel und mehr Handlungsfähigkeit.

Welche Diagnosen sind damit gemeint?

Aus medizinischer Sicht geht es bei Neurodivergenz vor allem um neuroentwicklungsbezogene Unterschiede, wie sie im ICD-11 oder DSM-5 beschrieben werden – den internationalen Klassifikationssystemen der Medizin und Psychologie.

Dazu gehören vor allem die Autismus-Spektrum-Störung sowie die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Autismus beschreibt unter anderem Unterschiede in sozialer Wahrnehmung, sensorischer Verarbeitung sowie ein oft starkes Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit. ADHS betrifft vor allem Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und die sogenannte exekutive Funktion – also das Steuern von Planung, Fokus und Handlung.

Wichtig ist:

Beides sind keine starren Kategorien, sondern Spektren.

Das bedeutet, sie zeigen sich bei jedem Menschen unterschiedlich stark und in unterschiedlichen Kombinationen.

Was ist Neurodivergenz, Grafik Landschaft

Neurodivergenz ist nicht immer gleich Neurodivergenz

Im weiteren Verständnis wird häufig unterschieden, wie solche Unterschiede entstehen oder sich entwickeln.

Ein Teil wird als neuroentwicklungsbedingt bzw. angeboren verstanden und gilt als Teil menschlicher Vielfalt. Hier geht es weniger um „Heilung“, sondern eher um Verständnis, Akzeptanz, Anpassung der Umwelt und passende Strategien im Alltag.

Andere Veränderungen in Wahrnehmung oder Belastbarkeit können sich im Laufe des Lebens entwickeln oder verstärken – etwa durch chronischen Stress, Überlastung, Traumafolgen oder längere Erschöpfung.

Hier stehen Stabilisierung, Entlastung und therapeutische Unterstützung im Vordergrund.

In der Realität lassen sich diese Bereiche jedoch nicht immer klar trennen, weil Biologie, Lebensgeschichte und Umwelt ständig zusammenwirken.

Und was ist mit Hochsensibilität und anderen Begriffen?

Neben klassischen Diagnosen gibt es viele Begriffe, die im Alltag genutzt werden, aber nicht immer medizinisch eindeutig definiert sind.

Hochsensibilität beschreibt eine stärkere und tiefere Verarbeitung von Reizen, Emotionen und Eindrücken.
Dazu kommen z. B. Dyslexie, Dyskalkulie oder Dyspraxie, die jeweils Sprache, Zahlen oder Bewegung betreffen.

Auch Begriffe wie Hochbegabung oder Scanner- bzw. Vielbegabung beschreiben bestimmte Denk- und Wahrnehmungsweisen – oft schnel, vernetzt und vielseitig interessiert.

Diese Begriffe helfen, Erfahrungen greifbar zu machen. Gleichzeitig sind sie nicht immer klar voneinander abgrenzbar, was oft zu Unsicherheit führt.

Warum sich viele nicht in Schubladen wiederfinden

Viele kennen diesen Moment: Man liest Beschreibungen und erkennt sich teilweise wieder – aber nie vollständig.

Das liegt daran, dass Menschen nicht in festen Kategorien funktionieren.

Ein wichtiger Begriff dafür ist Heterogenität – die große Unterschiedlichkeit innerhalb einer Gruppe. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sehr unterschiedliche Lebensrealitäten haben.

Hinzu kommt: Viele Eigenschaften sind dimensional verteilt. Das bedeutet, sie kommen bei allen Menschen vor, nur unterschiedlich stark ausgeprägt.

Darum verschwimmt die Grenze zwischen „normal“ und „abweichend“, je genauer man hinschaut.

Ein weiterer wichtiger Begriff ist Komorbidität. Er beschreibt das gleichzeitige Auftreten mehrerer Belastungen oder Diagnosen. So treten bei ADHS häufig auch Angst, Depression oder autistische Merkmale auf. Gleichzeitig können sich Hochsensibilität, Stressreaktionen, Traumafolgen oder Erschöpfung überlagern, ohne dieselbe Ursache zu haben.

Deshalb sollte die Frage nicht sein, welche Schublade nun am Besten zu einem passt, sondern welche Faktoren dein Erleben gleichzeitig beeinflussen.

Denn Realität ist fast immer eine Überlagerung einzelner Bereiche, nicht Eindeutigkeit.

Wie moderne Wissenschaft das heute versteht

Die Forschung bewegt sich zunehmend weg von starren Kategorien hin zu einem systemischen Verständnis.

Der Mensch wird dabei verstanden als Zusammenspiel von:

  • Biologie (Nervensystem, Genetik)
  • Psychologie (Denken, Emotion, Lernen)
  • Umwelt (Stress, Beziehungen, Anforderungen)
  • Lebensgeschichte (Erfahrungen und Anpassung)

Verhalten entsteht nie aus einem einzelnen Faktor, sondern immer aus dem Zusammenspiel vieler Bedingungen gleichzeitig.

Und genau im Alltag wird das sichtbar – dort, wo unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen inneren Systemen aufeinandertreffen.

Was ist Neurodivergenz, Grafik zwei Frauen

Die Quintessenz: Worum es eigentlich geht

Neurodivergenz ist am hilfreichsten, wenn sie nicht als Identität verstanden wird, sondern als Orientierung. Also eine Art Landkarte für das eigene System.

Neurodivergente Menschen sind ganz oft über- oder unterfordert und häufig ausgegrenzt, da sie nicht in das klassische Raster, die klassische Stellenbeschreibung reinpassen. Die Welt ist nicht für sie gemacht und doch haben sie wunderschöne Stärken für die Welt zu geben.

Diagnosen: wichtig, aber nicht das Ziel

Diagnosen können sehr hilfreich sein. Sie schaffen Zugang zu Therapie, Medikamenten (z. B. bei ADHS), Unterstützung oder auch einfach das Gefühl: „Ich bilde mir das nicht ein.“

Das ist oft ein wichtiger und entlastender Schritt, den ich hier nicht kleinmachen möchte!

Gleichzeitig ist der Weg dahin nicht immer einfach: Fachstellen sind überlastet, Spezialisierung fehlt oft, und Diagnostik kann lang, teuer oder unklar sein.

Viele erleben deshalb beides gleichzeitig: Hoffnung auf Klarheit und erstmal das Aufwerfen neuer Fragen.

Vielleicht ist deshalb etwas anderes der erste Schritt

Bevor oder parallel zur Diagnostik hilft oft eine andere Frage:

Wo wird es im Alltag konkret schwierig?

  • zu viele Reize
  • innere Unruhe
  • Erschöpfung
  • Strukturprobleme
  • soziale Überforderung

Und daraus folgt die entscheidendere Frage:

Was würde mein System jetzt konkret entlasten – unabhängig vom Label?

Was brauche ich, um in Balance zu kommen und zu bleiben?

Oft sind die Antworten sehr praktisch: weniger Reize, mehr Pausen, klarere Strukturen, bessere Abgrenzung, Bedürfnisse wieder hören und beachten lernen, oder passende Unterstützung, die dich dort abholt wo du stehst.

Wenn du dir also nach den letzten Minuten des Lesens die folgenden zwei Erkenntnisse mitnimmst, hat der Artikel das bewirkt, was er sollte:

  1. Du musst nicht perfekt irgendwo reinpassen. Ziel sollte sein, dein eigenes System besser zu verstehen und zu identifizieren, wie du im Einklang mit dir gesund und glücklich leben kannst! Denn dich hast du schließlich dein ganzes Leben, lohnt sich also 😉
  2. Dass Vielfalt in unserer Gesellschaft herrscht und dass wir Menschen lebendige, sich ständig anpassende und verändernde Systeme sind. Wir sind absolut nicht alle gleich – aber gleich wertvoll.  Bewusstsein und Achtsamkeit führen zu einem tragenden Miteinander in unserer gemeinsamen Welt.

Danke für deine Aufmerksamkeit und Zeit für dieses wichtige Thema!

Herzlichst,

Jessy

Jessica Ascher, Netzwerkmitglied

Jessica Ascher

Mentaltrainerin für Hochsensibilität und Stressmanagement
www.jessicaascher.com

Netzwerkmitglied für 72766 Reutlingen (D)

Quellen:

  • Singer, J. (2017). NeuroDiversity: The Birth of an Idea.
  • Walker, N. Neurodiversity: Some Basic Terms & Definitions.
  • World Health Organization (WHO). (2022). International Classification of Diseases (ICD-11).
  • Faraone, S. V. et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-Based Conclusions about the Disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818.
  • Aron, E. N. & Aron, A. (1997). Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368.
  • Engel, G. L. (1977). The Need for a New Medical Model: A Challenge for Biomedicine. Science, 196(4286), 129–136.

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