Hochsensibilität und die Gefühle

(„Hochsensibilität und Gefühlsregulation“ von Michael Schramm)

Hochsensible Menschen nehmen Gefühle intensiver wahr als der Durchschnitt. Sie haben feine Antennen für Befindlichkeiten und Stimmungen von anderen Menschen und ein gutes Gespür für Signale auf der Beziehungsebene.

Doch was sind Gefühle eigentlich? Wie kommt es, dass hochsensible Menschen so empfindsam reagieren? Wie können HSP lernen, ihr Gefühlsleben zu regulieren, damit es ihnen gut geht? Diesen Fragen möchte ich in diesem Artikel aus psychologischer Perspektive auf den Grund gehen.

Was sind Emotionen und wie entstehen sie?

Eine Emotion ist durch unterschiedliche Erregungszustände unseres Gehirns und über die Kopplung mit dem vegetativen Nervensystems körperlich erleb- und erfahrbar. Sie wird ausgelöst durch unmittelbare Wahrnehmungen oder Erinnerungen an Erlebnisse.

Wie kommt es nun dazu, dass Menschen in gleichen Situationen unterschiedliche Gefühle empfinden? Weshalb reagiert z.B. Margit beim Anblick einer Spinne ängstlich, während Heiko vollkommen gelassen bleibt? Warum wird Emma traurig, wenn sie das Lied „Hungry Eyes“ aus dem Film Dirty Dancing hört und Jasmin hingegen fröhlich? Warum erlebt Jana eine eigene Powerpoint-Präsentation vor Publikum als willkommene Herausforderung und Heiko rutscht bei dem Gedanken an diese Aufgabe das Herz in die Hose?

Psychologen gehen davon aus, dass Emotionen sich daraus ergeben, wie wir eine Situation gedanklich bewerten. So gesehen ist ein Gefühl das Ergebnis folgenden mentalen Prozesses:

  1. Wir nehmen eine Situation wahr. Doch schon was wir wahrnehmen ist abhängig von unseren Vorerfahrungen. Welche Reize aus der Umwelt wir als wichtig und welche als unwichtig betrachten, also was unsere Aufmerksamkeit erregt, ist Ergebnis eines Filterprozesses in unserem Gehirn.
  2. Wir interpretieren diese Wahrnehmung, geben ihr eine Bedeutung und leiten daraus Konsequenzen für uns ab.
  3. Wir bewerten diese Interpretation als gut, schlecht, angenehm, unangenehm oder neutral. Wir finden die phantasierte Auswirkung als inspirierend, peinlich, schlimm, toll oder ähnlich.

Die Emotion als Ergebnis aus diesem Denkprozess beeinflusst wiederum unser Handeln und den Umgang mit anderen Menschen.

Wie sich ein hochsensibler Mensch in einer bestimmten Situation fühlt ist demnach nicht nur eine Sache der genetischen Veranlagung, sondern zu einem großen Teil erlernt. Denn unsere Gefühlsreaktion ist geprägt von unseren biographischen Erfahrungen und unserer Kultur, in der wir aufgewachsen sind.

Der Mensch als Beziehungswesen

Wir Menschen sind von Geburt an auf andere Menschen bezogen, wenn man es genauer nimmt sogar schon vor der Geburt. Im Uterus sind wir mit der Nabelschnur mit unser Mutter verbunden.
Schon hier findet nachweislich eine Interaktion statt: Das Gehirn des Ungeborenen reagiert nicht nur auf die Reize, die von seinem eigenen Körperinneren und den sich bildenden Muskeln kommen, sondern auch auf die Bewegungen und die Erregung des Nervensystems der Mutter.

Nach der Geburt geht es nicht nur darum, dass unsere basalen Bedürfnisse angemessen befriedigt werden, sondern dass diese auch als legitim anerkannt werden. Dieses erfolgt durch verbale und nonverbale Kommunikation mit anderen Menschen. Wir sind als Menschen darauf angewiesen, im Anderen eine emotionale Resonanz auszulösen. Nur so fühlen wir uns verstanden. Verläuft der Prozess der wechselseitigen Bezugnahme größtenteils unbefriedigend, hat dies große Folgen für unser Gefühlserleben, besonders dann, wenn diese Frustration in frühen Lebensjahren stattfindet.

Wie lernt das Nervensystem sich zu regulieren?

Auch die Regulationsvorgänge des vegetativen Nervensystems werden in frühen Lebensjahren in sozialem Zusammenspiel mit den primären Bezugspersonen, insbesondere mit der Mutter erlernt. Das vegetative Nervensystem ist für die unwillkürlichen Funktionen unseres Körpers zuständig. Es reguliert z.B. Atmung, Verdauung, Herzschlag, Muskelspannung und Körpertemperatur.  Ebenso wird der Hormonhaushalt durch das autonome Nervensystem gesteuert.

Die Regulation des kindlichen Organismus passiert in enger Kopplung an die Mutter. Wenn die Mutter bei bestimmten Außenreize, z.B. Geräuschen, gelassen und ruhig bleibt, so werden diese auch vom Kind als ungefährlich eingestuft. Dies gilt auch für Körperempfindungen des Kindes: Hat es z.B. Blähungen und die Mutter nimmt dies wahr und kann beruhigend auf das Kind einwirken, dann lernt auch das vegetative Nervensystem des Kindes sich zu beruhigen. Reagiert die Mutter aufgeregt oder ängstlich, spürt dies das Kind und reagiert darauf unwillkürlich mit einer Veränderung seines vegetativen Zustands.

Den Vorgang durch den Kinder die Fähigkeit entwickeln, unangenehme Gefühle und Körperempfindungen durch die Verbindung mit fürsorglichen und zuverlässigen Bezugspersonen zu regulieren, nennt man Co-Regulation.

Unsere innere Welt, d.h. die Musterbildung in Gehirn und Nervensystem, wird also entscheidend im Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen beeinflusst.

Wie entsteht Hochsensibilität?

Was hat dies nun alles mit Hochsensibilität zu tun? Ich arbeite mit der Hypothese, dass ein hochsensibler Mensch nicht oder nicht nur genetisch zur Hochsensibilität veranlagt ist, sondern auch durch Bindungstraumata und ungünstige Co-Regulation geprägt wurde. Unreif und schutzlos, wie ein Säugling oder Kleinkind ist, wird es instinktiv alles dafür tun, um zu überleben. Dies geht nur, wenn es als Mitglied einer Gruppe (Familie, Gesellschaft) anerkannt wird. Es ist gezwungen, sich anzupassen. Ist die Stimmungslage der Bezugsperson schwer einschätzbar, weil sie sich in ähnlichen Situationen mal feinfühligem, dann wieder abweisendem verhält, dann ist das Kind veranlasst, seine Wahrnehmung feinsinnig zu schärfen. Es ist ständig damit beschäftigt, herauszufinden, welche Laune die Bezugsperson gerade hat.

Es entwickelt feine Antennen, was Mutter oder Vater wollen oder brauchen, damit es sich entsprechend anpassen kann. Dies führt dazu, dass es das natürliche Neugier- und Erkundungsverhalten einschränkt, das wichtig ist, um Autonomie zu entwickeln und Fähigkeiten sich angemessen abzugrenzen zu erlernen.

Wie kann Psychotherapie einer hochsensiblen Person helfen?

Was bedeutet das alles nun für einen hochsensiblen Menschen, der unter seiner sensiblen Seite nicht nur als eine hilfreiche Fähigkeit empfindet, sondern auch unter ihr leidet und sich deshalb weiter entwickeln möchte?

Da ich davon ausgehe, dass seine Probleme im Kontakt zu wichtigen Bindungspersonen entstanden sind, ist es aus meiner Sicht für eine HSP notwendig, sich Unterstützung in Form einer Therapie oder eines Coachings zu suchen. Denn es braucht das emotionale Mitschwingen eines anderen Menschen, der Raum gibt, Worte zu finden und auszudrücken, für das, was bisher oft nur diffus als Überforderung oder unangenehme Empfindungen oder undefinierbare körperliche Symptome  wahrnehmbar war. Es braucht die warme und ruhige Präsenz eines Gegenübers, das auf die sich verändernden emotionalen und körperlichen Signale seines Schützlings achtet und dabei die Fähigkeit hat, seine eigenen Gefühle und seinen physiologischen Zustand zu regulieren.

Die hochsensible Person muss merken, dass es in ihrem „So-in-der-Welt-Sein“ akzeptiert, wahrgenommen und wertgeschätzt wird.

Besonders dann, wenn die hochsensible Person die Sicherheit spürt, die sich daraus ergibt, wird es ihr möglich, sich mit ihren festgefahrenen Kommunikationsmustern, ihren einschränkenden verinnerlichten Konzepten, ihren spontanen Werturteilen sowie existenziellen Fragestellungen gewinnbringend auseinander zu setzen und mit neuen Verhaltensweisen zu experimentieren, um zu einer wünschenswerten Veränderung zu gelanden.


Michael Schramm
arbeitet als Heilpraktiker für Psychotherapie und als pädagogische Fachkraft in einem integrativen Waldkindergarten. Sein ganzheitlicher Ansatz verbindet dialogische
Gestalttherapie und moderne Hypnosetherapie mit einem systemischen Theorieverständnis. Weitere Einflüsse kommen aus der integrativen kognitiven Verhaltenstherapie sowie abendländischen Philosophie und östlichen Weisheitslehren.
www.online-psychologie.info
www.hypnosepraxis.info

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2 Kommentare

  1. Dies ist ein Erklärungsmodell. Das geht davon aus, dass der Mensch als ein relativ leeres Blatt gezeugt wird. Ich arbeite mit der esoterischen Astrologie und dem Human Design. Es sind bestimmte Aufgaben, mit denen ein Mensch geboren wird und die er lösen möchte. In der Astrologie können es grüne Aspekte oder Aspekte zu Chiron sein oder starke Stellungen der neutralen Planeten Merkur, Jupiter, Mond oder Neptun. Im Human Design finden wir nicht aktivierte Zentren, Dir hochsensitiv reagieren können. In der Prxis ergibt sich ein Dilemma zwischen der Anlage und Aufgabe und den Konditionierungen durch Prägung und Erziehung.

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