Scanner-Persönlichkeit: Wenn Neugier stärker ist als Beständigkeit
(Von Myriam Filz, Netzwerkmitglied für 20146 Hamburg/D) In meiner Arbeit mit hochsensiblen Menschen begegnet mir immer wieder eine Frage, die viele von uns beschäftigt:

Warum fällt es manchen Menschen so leicht, über Jahre oder sogar Jahrzehnte bei einer Sache zu bleiben, während andere ständig neue Interessen entwickeln, neue Wege einschlagen und sich immer wieder von etwas anderem begeistern lassen?
Viele Hochsensible kennen das Gefühl, gleichzeitig für unterschiedlichste Themen zu brennen. Sie interessieren sich für Menschen, Zusammenhänge, Kreativität, persönliche Entwicklung, Natur, Psychologie, Spiritualität, Kunst oder Wissenschaft – oft alles gleichzeitig. Ihre Neugier scheint kaum Grenzen zu kennen.
Und gleichzeitig begleitet viele die Frage, ob mit ihnen etwas nicht stimmt.
Vielleicht kennst du diese Gedanken auch. Mich begleiten sie jedenfalls schon mein ganzes Leben. Lange hatte ich den Eindruck, mit mir sei etwas nicht ganz richtig. Dass ich sprunghaft sei. Zu vielseitig. Zu wenig beständig.
Heute sehe ich das anders.
Die Gedanken dazu haben mich zu einem Thema geführt, das mich schon sehr lange begleitet und für das ich erst vor einigen Jahren einen Namen gefunden habe: die Scanner-Persönlichkeit.
Hast du davon schon gehört?
Warum ich nie (oder sagen wir selten) an etwas drangeblieben bin
Sätze, die ich in meiner Kindheit SEHR oft hörte: „Nie bleibst du an etwas dran“ und „Mach doch endlich mal etwas zu Ende“.
Mit fünf habe ich angefangen Flöte zu spielen, mit sechs Klavier (das habe ich sogar viele Jahre voller Freude gemacht). Ab der Grundschule war ich – mal kürzer, mal länger – im Ballett, im Schwimmverein, im Skiverein, habe Handball gespielt, dann Volleyball. Zwischendurch habe ich Tennis ausprobiert, Modern Dance, getöpfert, an Mal- und Kochkursen teilgenommen, geschrieben.
Alles fand ich toll, aber halt nur eine bestimmte Zeit lang. Dann wusste ich ja, wie es funktioniert und etwas Neues zog mich magisch an.
Viele Jahre wunderte ich mich, dass die meisten Menschen um mich herum Hobbys und Berufe fanden, die ihnen über Jahre hinweg Spaß machten. Schwer vorstellbar für mich 😊
Noch heute bewundere ich insgeheim Menschen, die sich jahrelang mit einer Sache beschäftigen, ohne, dass ihnen langweilig wird. Menschen, die irgendwann „ihren“ Weg gefunden haben und diesem folgten, während ich jede neue Abzweigung nahm, mal hierhin, mal dorthin sprang und immer wieder Neues ausprobierte.
Und obwohl ich oft den Eindruck hatte, falsch zu sein, blieb ich auf meinem nicht besonders gradlinigen Weg und folgte meiner Neugier.
Zwar zog ich eine Ausbildung und ein Studium durch, aber das lag eher an gefühlten gesellschaftlichen Erwartungen als an fortwährendem Interesse am Übersetzen und Dolmetschen. Immerhin konnte ich während dieser Zeit viel auf Reisen sein, was ein ganz guter Ausgleich war.

Scanner-Persönlichkeiten
Vor einigen Jahren stolperte ich zum ersten Mal über ein Buch von Barbara Sher („Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“) und dort auf den Begriff der Scanner-Persönlichkeit. Im Original heißt das Buch übrigens „Refuse to choose!“ (also etwa „Weigere dich, eine Entscheidung zu treffen“), was ich auch sehr treffend finde.
Darin beschreibt Barbara Sher sehr anschaulich Menschen, die viele Interessen, Begabungen und Leidenschaften haben und sich immer wieder für Neues begeistern. Sie erklärt, warum Scanner oft glauben, mit ihnen stimme etwas nicht, einfach, weil unsere Gesellschaft Spezialisierung, Konsequenz und Durchhaltevermögen extrem wertschätzt.
Einige Kerngedanken aus dem Buch sind:
Während es Menschen gibt, die sich ihr Leben lang voller Begeisterung mit einer einzigen „Amöbe“ beschäftigen können, zieht es Scanner oft weiter, sobald sie etwas ausreichend verstanden haben. Und zwar nicht aus Oberflächlichkeit, sondern aus echter Neugier.
Ihre Freude liegt häufig weniger darin, etwas zu perfektionieren, sondern darin, Neues zu entdecken. Und deshalb lieben viele Scanner Neuanfänge, noch nicht erforschte Möglichkeiten und das Lernen ihnen bisher unbekannter Dinge.
Und plötzlich fiel etwas in mir an seinen Platz. Ich verstand, wovon sie schrieb und dass ich mir ein Leben gestalten muss, in dem ich diese Vielseitigkeit leben kann.
Aber genau aus den oben genannten Gründen erleben Scanner häufig und immer wieder diesen inneren Konflikt:
Und so entsteht bei vielen Scannern irgendwann das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Doch vielleicht stimmt etwas sehr wohl mit dir. Vielleicht funktioniert dein Gehirn einfach anders.
Viele hochsensible bzw. neurodivergente Menschen (vor allem AD(H)Sler) erkennen sich übrigens in den Beschreibungen von Scanner-Persönlichkeiten wieder. Auch, wenn Hochsensibilität und Scanner-Sein nicht dasselbe sind, geht beides häufig mit einer ausgeprägten Wahrnehmungsfähigkeit, tiefer Neugier und einem großen Interesse an Zusammenhängen einher.
Hochsensible Menschen nehmen viele Details wahr, denken vernetzt und interessieren sich für unterschiedlichste Themenbereiche. Ihr Gehirn liebt Verbindungen, es möchte verstehen und erforschen. Und manchmal entsteht daraus eine große Vielfalt an Interessen.
Dazu kommt etwas, das ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte, weil unser Nervensystem Sicherheit braucht.

Sicherheit bietet Raum für Neues
Wenn wir uns in einem Bereich endlich sicher fühlen und ausreichend Erfahrungen gesammelt haben, kann genau diese Sicherheit dazu führen, dass Raum für Neues entsteht. Denn nicht jede Veränderung ist Flucht, nicht jedes Loslassen ist Vermeidung. Manchmal ist es schlicht Entwicklung und bedeutet, dass ein Kapitel als vollständig erlebt wird, etwas seinen Platz hatte und nun etwas Neues folgen darf.
Natürlich lohnt es sich, auch immer wieder ehrlich hinzuschauen:
Diese Fragen lassen sich natürlich nicht pauschal beantworten, aber sie laden uns ein, freundlicher auf uns selbst zu blicken.
Heute sehe ich viele meiner vermeintlichen „Umwege“ anders.
Jede Ausbildung, jeder neue Job, jede Reise, jede Begegnung, jedes Interesse… nichts davon war umsonst, vieles davon fließt heute in meine Arbeit ein und vielleicht sogar genau deshalb, weil mein Weg selten geradlinig war.
Manche Dinge und Themen und Interessen sind vielleicht nur für eine bestimmt Zeit im Leben eines Scanners, nämlich, solange sie nähren und begeistern, um dann wieder zu gehen.
Meine Haupterkenntnis ist jedenfalls, dass wir Scanner erkennen und lernen dürfen, dass wir längst richtig sind mit all unserer Neugier, unseren vielen Interessen, unseren Umwegen und neuen Anfängen.
Und vielleicht magst du dich heute einmal fragen:
Vielleicht bist du nicht sprunghaft, sondern einfach ein Mensch, der die Welt mit großer Neugier erkundet und sich immer wieder von Neuem berühren lässt. ❤️
Myriam Filz

Myriam Filz
Feinfühlige Lebenskunst: Traumasensible Begleitung und ganzheitliche Massagen für hochsensible Menschen.
www.myriamfilz.com
Netzwerkmitglied für 20146 Hamburg (D)
