Warum die Parkplatzsuche uns Hochsensible stresst
(Von Susanne Hillar, Netzwerkmitglied für 50733 Köln/D) Es gibt eine Frage, an der ich Hochsensible ziemlich gut erkenne: „Kann man da gut parken?“

Wenn ich Coaching-Termine vor Ort ausmache, kommt die Frage nach der Parkplatzsituation erstaunlich oft. Und ich muss dann immer ein bisschen grinsen, weil ich das einfach zu gut kenne.
Mich hat die Parkplatzsuche früher total gestresst. Gerade wenn ich irgendwohin gefahren bin, wo ich vorher noch nie war.
Nehmen wir mal einen Arzttermin. In meinem Kopf ging es dann ungefähr so ab:
Was, wenn ich da keinen Parkplatz finde? Dann komme ich zu spät. Dann muss ich mich bei der Sprechstundenhilfe erklären oder rechtfertigen. Was, wenn die dann unfreundlich ist, weil ich zu spät bin? Wenn ich deren Zeitplan so durcheinanderbringe, dass die Ärztin nicht wirklich Zeit für mich hat und ich wieder nicht ernst genommen werde? Oder ich komme so viel zu spät, dass das mit dem Termin gar nicht mehr klappt, ich einen neuen vereinbaren muss und wieder ewig warten darf?
Das meiste davon ist noch nicht einmal wirklich bewusst abgelaufen. Ich weiß nur: Es hat mich mega gestresst und ich hatte Gedankenkarussell. Meistens schon Tage vorher.
Und das nicht nur bei der Parkplatzsuche. Ein schwieriges Gespräch. Bei Kindern ist es die Klassenfahrt oder ein Kindergeburtstag.
Vielleicht kennst du das auch. Du machst dir irre viele Gedanken, wenn etwas ansteht, während andere scheinbar einfach machen. Die setzen sich morgens ins Auto und fahren los.
Und du hast schon am Abend vorher in deinem Kopf fünf mögliche Szenarien durchgespielt und schlecht gepennt. Und dann kommen unweigerlich Fragen wie:
Und irgendwann wird daraus vielleicht sogar die Frage:
Was stimmt eigentlich nicht mit mir?
Das Ding ist, mit dir ist alles okay. Es gibt evolutionär gesehen gute Gründe, warum du dir so viele Gedanken um scheinbar banale Dinge machst.
Heute stresst mich die Frage, ob ich irgendwo einen Parkplatz finde, deutlich weniger. Und das liegt nicht daran, dass ich plötzlich aufgehört hätte, mir Gedanken zu machen.
Was mir viel mehr geholfen hat, war im ersten Schritt zu verstehen, warum mein Kopf das überhaupt macht. Mir hat ein Bild von Elaine Aron geholfen, das ich auch sehr gerne in meinen Coachings benutze: Ich nenne es: das Rehgehirn.
Das Rehgehirn: Warum dein Kopf schon drei Schritte weiter ist

Stell dir zwei Rehe vor, die am Waldrand stehen und auf eine saftig grüne Wiese schauen. Das eine, das nicht hochsensibel ist, sieht das Gras und läuft los – ohne sich groß Gedanken zu machen. Das andere, hochsensible Reh bleibt erst einmal stehen. Es schaut. Es hört. Es nimmt seine Umgebung wahr.
Dieses hochsensible Reh macht sich das Leben nicht absichtlich schwer. Im Gegenteil:
Seine Vorsicht hat der Herde schon oft das Überleben gesichert.
Und genauso läuft das bei uns Hochsensiblen ab. Wir nehmen viel wahr, verarbeiten Informationen intensiv und erkennen häufig sehr schnell, was alles schieflaufen könnte – aka wo mögliche Gefahren lauern. Das ist eine Fähigkeit, die uns und anderen schon oft den Hintern gerettet hat.
Anstrengend wird das „Rehgehirn“ dann, wenn wir vor lauter möglichen Gefahren nicht mehr auf die grüne Wiese laufen.
Oder eben die Nacht vorher nicht schlafen, weil wir gedanklich schon bei der unfreundlichen Sprechstundenhilfe, dem geplatzten Termin und der wochenlangen Wartezeit auf den Ersatztermin angekommen sind.
Was uns Hochsensible wirklich stresst
Und hier kommt für mich noch ein zweiter wichtiger Punkt.
Denn natürlich kann ich sagen: Okay, mein hochsensibles System möchte möglichst viele Eventualitäten vorher erfassen und Sicherheit herstellen. Aber nur das Wissen darum reicht oft nicht aus, um wirklich etwas zu verändern, das Gedankenkarussell anzuhalten und den Worst-Case-Szenarien nicht mehr so viel Raum zu geben.
Denn neben dem „Rehgehirn“ spielen unsere eigenen Muster mit rein und du darfst dich fragen:
Was genau stresst mich in der Situation?
Denn nehmen wir noch einmal mein Arztbeispiel.
Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um einen Parkplatz, sondern darum, welche alten Muster und Überzeugungen darunter liegen.

Was Selbstvertrauen mit der Parkplatzsuche zu tun hat
Mir hat es geholfen, meine Muster anzuschauen, loszulassen & letzten Endes auch mein Vertrauen in mich und das Leben zu stärken. Denn klar, mein Rehgehirn springt bei der Parkplatzsuche immer noch kurz an.
Und gleichzeitig kann ich heute viel schneller erkennen:
Ah, okay. Da ist gerade wieder mein Rehgehirn am Start.
Der Unterschied ist, dass es für mich mittlerweile voll okay ist, irgendwo anzurufen und zu sagen, dass ich mich verspäte. Dass das menschlich ist und ich nicht immer alle Eventualitäten einplanen kann, um bloß niemandem zur Last zu fallen. Und last but not least zu wissen, dass ich immer noch einen Parkplatz gefunden habe.
Und vielleicht denkst du ja bei der nächsten Parkplatzsuche kurz an dein Rehgehirn. Und kannst ein kleines bisschen gelassener losfahren – auch wenn du noch nicht genau weißt, wo du am Ende parken wirst.
Und wenn du mehr über das Rehgehirn wissen möchtest, hör super gerne in Folge 2 meines Podcasts „Sensitive Space“ rein.
Oder schau dir meinen kleinen Animationsfilm an, in dem ich mit den Rehen Norman & Flecki das Rehgehirn noch einmal ganz easy und kindgerecht erkläre unter www.susannehillar.de/rehgehirn.
Alles Liebe für dich,
Susanne

Susanne Hillar
ist systemische Kinder-, Jugend- & Erwachsenencoach und EFT-Coach. Sie bietet auch transgenerationale Trauma- & Ahnenarbeit an.
www.susannehillar.de
Netzwerkmitglied für 50733 Köln (D)

Liebe Susanne,
das hast Du wieder einmal soo toll und bildhaft erklärt 👏😃
Habe mich sehr wiedergefunden und richtig gemerkt, wie ich bei Deinen Worten tief und entspannt ein- & ausatmen konnte.
DANKE ❤️ und ganz liebe Grüße von der Nädinn