Weihnachtszeit – ohne mich?

(Von Daniela Galitzdörfer)

Ein Plädoyer für Selbstfürsorge, Stille und Egozentrik fernab jeglicher Konventionen und dem Vorschlag, es vielleicht noch einmal mit Weihnachten zu versuchen – auf eine ganz eigene, spielerische, persönliche Art und Weise.

Kennen Sie das Gefühl, beim Gedanken an die nahenden Feiertage ein latentes Ziehen in der Magengegend zu empfinden? Eine Art kaltes Grausen gepaart mit der ständig wiederkehrenden, bohrenden Frage:

Was kann ich tun, um dem Festtagestrubel zu entgehen?

Möglichst keine Menschen sehen zu müssen? Sich am besten zuhause zu vergraben bis alles vorbei ist?

Und warum bin ich scheinbar die Einzige der es so geht?

Was ist falsch an mir?

Wieso kann scheinbar jeder außer mir an diesen Festtagen gekonnt alle zwischenmenschlichen Spannungen ignorieren und stoisch fröhlich jede Missstimmung unter den Teppich kehren? Zunächst die gute Nachricht:

An Ihnen ist gar nichts falsch!

Sie sind sogar goldrichtig. Und Sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit hochsensibel und somit Menschenmassen-Inkompatibel. Auf Feiertage bezogen bedeutet das folgendes: Menschenansammlungen sind eine Herausforderung für Sie, weil Sie über einen extrem feinfühligen inneren Sensor verfügen. Dieser Sensor nimmt sämtliche Stimmungen, zwischenmenschlichen Spannungen, Befindlichkeiten und oft sogar Gedankengänge von Personen und zwischen den einzelnen Anwesenden wahr. Er stellt Verbindungen zu den Hintergrundzusammenhängen her und übersetzt diese für Sie in Handlungsanweisungen. Handlungsanweisungen, die ihnen als hochsensible Person unmissverständlich mitteilen, was nun zu tun wäre, um die Harmonie im Gegenüber oder zwischen den Anwesenden wiederherzustellen.

Denn das brauchen Sie für ihr inneres Gleichgewicht – Harmonie in Ihrer Umgebung.

Doch die Umgebung in Form der anwesenden Personen ist sich oft gar nicht bewusst, dass Sie sich derzeit innerlich im Ungleichgewicht befinden. So bleibt dieses Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung und Handlungsunfähigkeit für Sie permanent bestehen – das stresst. Und zwar massiv. Diese Erfahrung hat ein Hochsensibler im Laufe seines Lebens zuhauf gemacht.

Das ist also Familienfeier: eine oberflächliche Schmierenkomödie. Hochsensible fehl am Platz. Mitmachen wird nicht gelingen, denn das würde bedeuten sein innerstes Bauchgefühl zu verleugnen. Der Körper zeigt es durch Krankheit, Schlafprobleme, sich erschlagen fühlen. Die Seele meldet sich durch unendliche Traurigkeit zu Wort. Gedanken kreisen um Erlebtes, Gespräche werden im Kopf wieder und wieder geführt, überprüft und analysiert. Klingt mühsam? Ist es auch.

Aber muss das so sein?

Ist es wirklich nötig Wochen im Voraus mit dem latenten Grauen vor Gruppenveranstaltungen zu leben und sich danach mühevoll wieder ins Leben zurückkämpfen zu müssen? Ich sage Nein! Wenn Sie das Grauen noch fühlen, heißt das, dass Sie alle Voraussetzungen haben dieses Jahr und künftig alle Festivitäten spielerisch zu meistern.

Ihr Bauchsensor gibt noch deutlich Rückmeldung, dass hier eine unangenehme Situation bevorsteht, ein Grund zu feiern. Ihre Intuitions-Hotline ist noch voll funktionsfähig und es gilt Maßnahmen zu ergreifen, dass das auch so bleibt.  Es ist möglich, wenn Sie bereit sind ihre Sicht auf das Geschehen zu verändern und drei Maßnahmen zu ergreifen.

Ab sofort muss es an aller erster Stelle um Sie gehen!

1. Nutzen Sie ihre Hotline

Ihr Bauchgefühl hat Ihnen bisher gezeigt, wann eine Situation belastend für Sie ist.

Somit haben Sie alle nötigen Informationen. Analysieren Sie die Faktoren, die Sie besonders viel Kraft kosten und übernehmen Sie Verantwortung, die Umstände so zu verändern, dass sie für Sie angenehm sind. Drei Stunden Familienfest sind zu viel für Sie? Dann gehen Sie zwischendrin spazieren, übernehmen Sie Spüldienste, besichtigen Sie den Garten – werden Sie kreativ, um sich Freiräume zu schaffen. Stehen Sie für sich ein und setzen Sie ihre Intuition und Kreativität dafür ein, die Dinge so zu gestalten, wie es für Sie gut ist. Beginnen Sie ihrem Umfeld mitzuteilen, was Sie brauchen. Oft finden Sie mehr Zuhörer als gedacht. Oft braucht es die mutigen Hochsensiblen, die sich trauen Vorschläge wie ein Spaziergang in die Runde zu bringen. Sie werden sich wundern, wie viele sich diesem Bedürfnis auf einmal dankbar anschließen werden. Und so üben Sie sich automatisch darin für sich zu sorgen.

2. Spielen Sie die Feiertage wie ein Spiel

Nehmen Sie weder das Fest noch die Mitmenschen zu ernst. Spielen Sie aus eigener Entscheidung mit und das mit einer klugen Strategie. Verfolgen Sie ihre Interessen und Bedürfnisse. Behalten Sie die Führung und die Position des Spielführers. Erarbeiten Sie ihre Taktik und Ihre Spielzüge im Voraus. Welchen Festivitäten wohnen Sie bei? In welchem Maß und in welchem Rahmen? Mit wem können Sie Gespräche führen ohne einen zu großen Preis zu zahlen? Welche Rahmenbedingungen können Sie aktiv mitgestalten? Wann brauchen Sie für sich eine Auszeit?

Kommunizieren Sie klar, wenn ihnen Gespräche zu viel werden, wenn Sie Zeit für sich brauchen oder wenn Sie gewissen Bedingungen gerne anders möchten. Das bedeutet es für sich einzustehen. Dann können Sie abends mit einem Lächeln einschlafen und haben den ganzen nächsten Tag voller Energie zur Verfügung. Probieren Sie es aus!

3. Bleiben Sie dran

Neue Denk- und Verhaltensweisen brauchen eine gewisse Übung. Bleiben Sie geduldig und üben Sie weiter. Vielleicht schaffen Sie es anfangs noch nicht alles oben Genannte umzusetzen. Dann gilt es wie im Spiel die Strategie zu überdenken, zu optimieren und notfalls nochmal bei Start anzufangen. Es ist noch kein Meister ist vom Himmel gefallen. Aber Übung macht bekanntlich den Meister – nur Mut. Schließlich liegen noch etliche Feierlichkeiten vor Ihnen, an denen Sie üben können.

Und wenn es doch seitens ihrer geliebten Mitmenschen zum unbedachten Ausspruch „Du bist doch nicht normal!“ kommen sollte, empfehle ich Ihnen folgendes: Konzentrieren Sie sich für einen Moment auf das innere freudige Hüpfen Ihres Herzens über das schöne Kompliment, bevor Sie selig lächelnd erwidern: „Nein, zum Glück nicht!“

Denn Sie sind anders, auf eine ganz eigene persönliche, wundervolle Weise. So wie ihre Art zu feiern! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen:

FROHE WEIHNACHTEN!

Herzlichst ihre

Daniela Galitzdörfer, Life-, Familien- und Businesscoach, www.arktis-coaching.de

5 Kommentare

  1. Eine Alternative hat mir gefehlt: Einfach nicht mehr dabei zu sein. Das ist natürlich abhängig von der Bindung an die jeweilige Familie und dem Wunsch, trotz Hochsensibilität am Familienleben teilzuhaben.

    Ich habe für mich entschieden, dass ich gehe, wenn ich die Einzige bin, die sich für meine Belange interessiert. Allerdings ist die Familie, die ich jetzt zum dritten Mal Weihnachten ohne mich verbringen lasse, auch nicht meine, sondern eine „angeheiratete“.

    Die Rückmeldungen, die ich für meine Entscheidung, Weihnachten gemütlich, besinnlich und allein mit meinem Hund an einem jährlich wechselnden Urlaubsort zu verbringen, sind zunächst: „Das kannst du doch nicht machen!“, „Sowas tut man doch nicht!“, „Das geht doch gar nicht!“ Häufig kommen aber auch solche Kommentare: „Du hast es gut!“, „Ich bin so neidisch!“, „Du machst es richtig. So schön stressfei.“ – letztere werden häufiger, je näher die „stille Zeit“ rückt und je größer der Stress für die Beteiligten wird. 😉

  2. Ich denke, es ist bei Menschen allgemein gut, auf seine Bedürfnisse zu hören und sie offen mitzuteilen.
    „Familiäre Schmierenkomödie“ finde ich allerdings den anderen gegenüber sehr abwertend, denn an diesen Tagen versuchen wohl alle gestressten Familienmitglieder den Frieden zu bewahren, was ohnehin auch ohne Weihnachten immer schwieriger wird.
    Ich wünsche allen Familien, dass es ihnen gelingt, und so der eigentliche Sinn von diesem Fest bewahrt wird.
    Alles erdenklich Liebe für euch alle. ☺

  3. „Das Zusammentreffen der Familie als oberflächliche Schmierenkomödie zu bezeichnen“ – trifft den Nagel auf den Kopf! Genau SO habe ich es jahrelang über mich ergehen lassen müssen. Leider wurde ich dann immer noch zusätzlich beschimpft, wenn ich mir während dieser Familienfeiern persönliche Auszeiten in Form von Spaziergängen oder einfach nur Rückzügen in ein anderes Zimmer etc. genommen habe. Was mir bloß dabei einfiele, mich nicht mehr zu den anderen zu gesellen! – das war noch das harmloseste. Ich habe dieses Verhalten meiner Verwandtschaft daher zum Anlass genommen, diesen Feiern einfach nicht mehr beizuwohnen. Denn wenn man für die Auszeiten, die man sich bewusst gönnt, auch noch Beschimpfungen hinnehmen muss, dann erträgt das meine hochsensible Seele einfach irgendwann gar nicht mehr. Und ich finde es überhaupt nicht schade, dass ich nun die Weihnachtsfeiertage in Ruhe zu Hause mit meinem Partner und meinen beiden Kindern ganz in Ruhe genießen kann! Alleine fühle ich mich dadurch überhaupt nicht – ganz im Gegenteil!

  4. Das Zusammentreffen der Familie als oberflächliche Schmierenkomödie zu bezeichnen lässt tief blicken in ihr Privatleben. Ich bin definitiv hochsensible, aber Egozentrik ist nicht immer ein Weg. Ich habe Familie, die ich über alles liebe und da geht es trubelig zu. Damit muss ich umgehen. Die Welt dreht sich AUCH für Mitmenschen, oder man ist ziemlich schnell ganz alleine. Nach Schmierenkomödie habe ich aufgehört zu lesen …

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