Was ist der passende Lebensraum für Hochsensible?

(Von Julia Bachmair, Ansichten einer Wienerin)

Welche Umgebung brauchen Hochsensible, um sich wirklich wohl zu fühlen?

Wie kann ich Orte, die nicht immer ideal sind, zu Wohlfühlräumen gestalten, weil ich in meinem „Innenraum“ geerdet und zufrieden bin?

Wann zahlt es sich aus, den Lebensort zu ändern?

AGB – Allgemein Gültige Bedürfnisse

Bevor ich mich auf die Suche nach möglichen und subjektiven Antworten mache, stelle ich fest, dass es dabei eine Grundkomponente gibt, die eine wichtige Orientierung bietet und mir als Basis dient. Bei einem meiner letzten HSP-Treffen haben wir darüber gesprochen, wie wir uns eine Stadt vorstellen, die von hochsensiblen Menschen gestaltet ist. Wir sind davon ausgegangen, dass Feinfühlige und empathische Menschen, die eine ausgeprägte sensory processing sensitivity besitzen, keine Minderheit darstellen. Zudem ist das Bedürfnis nach begrünten Begegnungsräumen mehrfach in der Diskussion aufgetaucht. Diese Vision wirkte beruhigend und inspirierend. Mehrfach ging es um Reduktion von Störfaktoren: weniger Stress, weniger Gestank, weniger Lärm, weniger Beton, weniger Nachbarn. Übersetzt in Bedürfnisse geht es um mehr Ruhe, mehr Natur, mehr Freiraum zur persönlichen Entfaltung und oft auch um mehr Einfachheit. Darum, einfach in Ruhe sein und bleiben zu können.

Tatsache ist, dass Hochsensible und Hochsensitive an einem ständigen Zuviel leiden.

Allerdings nur dann, wenn wir es aufgrund welcher Umstände auch immer, (noch) nicht schaffen, unseren Lebensraum so angenehm zu gestalten, dass wir uns nicht fremdbestimmt fühlen. Manchmal wissen wir auch noch gar nicht Bescheid über unsere angeborene feinfühlige Ausprägung und merken erst über Umwege, dass es einen Grund für diese nervliche Anspannung oder Überlastung gibt.

„Mein Außenraum muss ruhige Elemente und Rückzug miteinander verbinden und eine Anbindung an die Natur haben, ohne große Umwege“ sagt mir eine hochsensible Freundin. Ist das zu viel verlangt? #toomuch? Ich finde nicht.

Human rights – HSP rights

Der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, ein von der UNO verabschiedetes Abkommen (1966), in dem sich die unterzeichnenden Staaten verpflichten, einen Teil der Menschenrechte zu gewährleisten, geht auf interessante Aspekte ein.

In Artikel 1 wird das Recht auf Selbstbestimmung erwähnt. Dürfen wir uns als empathische und feinfühlige Hochsensitive das Recht herausnehmen, unsere persönlichen Stressfaktoren zu reduzieren? Ja!

Artikel 12 spricht das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit an. Ist es in Ordnung aus einem Großraumbüro mit dauernder Radiobeschallung fliehen zu wollen, weil die Ressourcen des Filterns durch Dauerbelastung überschöpft sind? Ja!

Ist es in Ordnung sich diskriminieren zu lassen, weil frau/man nichts aushält, härter sein muss und nicht so zimperlich sein soll? Nein!

Die englische Version des Paktes spricht von self-determination und mental health. Sind uns diese Begriffe näher? Durchaus möglich.  Mein Wohlbefinden jetzt und langfristig betrachtet an erste Stelle zu setzen, bedeutet, mich im Rahmen der Menschenrechte zu bewegen.

Selbstermächtigung schließt ein, meine Wünsche wahrzunehmen und zu erkennen, was ich wirklich brauche, um dieses Höchstmaß zu erreichen.

Das kann dazu führen, dass ich mich für einige Zeit auf unbekanntes Terrain begebe, kritische Momente der Unsicherheit erlebe, weil ich mich dazu entschließe, etwas Gewohntes zu ändern: einen anderen, mir angenehmeren Beruf oder anonymeren Ort zu wählen, ganz gleich, ob ich dabei von der Stadt aufs Land ziehe, die Wohnung wechsle oder mir meinen momentanen Wohnort so umgestalte, dass es eine Erholung ist, für mich zu sein.

Der Wunsch hochsensibler Menschen nach einem ruhigen Lebensraum kann einem Grundbedürfnis ihrer Persönlichkeit gleichkommen, und es ist demnach nicht zu viel verlangt darauf einzugehen. Selbstbestimmt auf meine Gesundung zu achten, motiviert auch meine nächsten Menschen. In jedem Fall zahlt es sich aus, unsere hohe Sensibilität in unseren Alltag so gut wie möglich zu integrieren!

Urban nomad – stadtverwurzelt am Land?

Ganz gleich, wie alt wir sind, ob wir trotz unserer hochsensitiven Prägung UrbanisierungsbefürworterInnen oder digital nomads im Van auf Reisen sind. Es geht hier nicht um stereotype Diffamierungen, sondern um Wege, weise und hochsensibel leben zu können. Es ist kaum möglich, dass wir uns dieser Kontroverse entziehen, denn früher oder später werden wir uns als hochsensible Menschen die Frage stellen, was es braucht, damit wir ein wohltuendes Leben, angepasst an unsere Bedürfnisse, leben.

Für jede:n Hochsensible:n gibt es eine persönliche, individuelle Reise. Es gibt kein richtig und falsch, kein schwarz und weiß.

Vielmehr Buntheit in all ihren Schattierungen.

Überall.

Julia


Mag. phil. Julia Bachmair ist ganzheitliche Kunsttherapeutin® i.A.u.S.,
selbstständig in eigener Praxis mit Schwerpunkt auf hochsensible Wahrnehmung und Hochsensitivität
www.gefuehlsweise.at, @gefuehlsweise (Instagram)


Quellen:
Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/PDF/DB_Menschenrechtsschutz/ICESCR/ICESCR_Pakt.pdf

english version: https://www.ohchr.org/en/professionalinterest/pages/cescr.aspx


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5 Kommentare

  1. Hallo, auch ich habe lange Zeit gebraucht, um zu erkennen und mir zuzugestehen, dass ich für mein Wohlbefinden ganz viel Ruhe, Natur, etc. brauche und dass ich mir dies auch gönnen darf.
    Meine Arbeit mit jungen Menschen macht mir großen Spaß, aber sie strengt mich auch sehr an – nach der Arbeit gehe ich dann hinaus in die Natur – meistens in den Wald (mit meinen Hunden) und genieße dort die Stille und Einsamkeit und am Abend bin ich dann meist schon zu müde um noch irgendwelche Beziehungen oder sozialen Kontakte zu pflegen.
    Diese Lebensweise hat allerdings auch zur Folge, dass ich mich zeitweise etwas verlassen fühle – nirgends zugehörig – und manchmal macht mich dies auch ein wenig traurig … aber ich bin überzeugt davon, dass ich irgendwann die Balance zwischen meinen unterschiedlichen Bedürfnissen (Einsamkeit – Zugehörigkeit) finden werde.
    Ganz viele liebe Grüße
    Claudia-Dora

  2. Hallo…Ich habe bis vor kurzen durch Zufall heraus gefunden das ich hochsensible bin ,ich will sagen,ich finde mich dort wieder was wunderbar ist weil ich nun weiß, warum ich so bin wie ich bin aber es belastet mich sehr weil meine sexuelle beziehung zu meiner frau stark darunter leidet,ich spüre ihre Andersartigkeit, sie kann nicht so auf mich eingehen so wie ich es brauche um mich wohl zu fühlen und fallen zu lassen..sie schwimmt nicht mit mir auf einer Wellenlänge. Ich habe mich zurück gezogen weil ich verzweifelt bin und enttäuscht. Ich muss es ihr sagen weil sie auch unglücklich ist aber ich will sie nicht verletzen. Was soll ich nur tun

  3. Sehr schön ausgearbeitet. Gibt einem zu denken. Allerdings sooooo schwer umzusetzen ….
    Der Job ist irgendwie notwendig – auch weil man ja sein Wort gegeben hat – , aber so langsam zweifel ich immer dran, wie man das weiter durchhalten soll, gerade wenn Ideale wie Ehrlichkeit, Zusammenarbeit, Wohlwollen, Authentizität, Geben-nehmen – echt rar gesäht sind. Ok und mal Klartext : Eigentlich könnte ich denen mittlerweile reihenweise und andauernd in die …… aber *tief Luft hol* lassen wir das .
    Corona sei dank gab es mal eine Abstandsregelung, man konnte zumindest Zeitweise von zu Hause arbeiten und wenn man in den Wald ging, hat man so viel Natur sehen und fühlen wie nie zu vor. Auch mit dem Rad über die Straße – wenig Stress , Autobahnen frei … Eigentlich war das super.
    Und was hat die Masse draus gelernt ? Schnell zum Ursprung zurück – alles bleibt so wie es war. Wenn man denen irgendwie erklären könnte, dass ein Rückschritt niemals ein Fortschritt werden kann …
    lg

  4. Hallo.
    Für mich als Hochsensilble bin ich in jeder Hinsicht immer noch auf der Suche nach dem Passenden in allen Bereichen.
    Besonders Wohnort und Beruf sind wichtig und noch zu finden.
    Ich hoffe ich erreiche das, denn ich möchte nicht ständig ausgelaugt und am unteren Level leben.
    Dennoch einen sicheren Arbeitsplatz haben, bei dem ich mich zugehörig und angekommen fühle, mit Motivation und Energie für alle Bereiche des Lebens.
    Hast du evtl. Ideen, vorallem für den beruflichen Bereich?
    Vielen Dank
    Liebe Grüße

    Barbara

    1. Liebe Barbara,
      danke für deinen Kommentar. Du sprichst ein paar interessante Punkte an, die, denke ich, auf so viele von uns zutreffen. Die Suche nach etwas Passendem verstehe ich vorrangig als ein Bedürfnis, sich in angenehmen Zustand und Umfeld zu befinden. Gerade Wohnraum und Beruf-ung sind zwei wesentliche Aspekte, die uns alle betreffen. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß und spüre ich, dass das Ausgelaugtsein einer Tätigkeit geschuldet ist, bei der ich mit meinem inneren Wesen zu viele Kompromisse eingehe, und das schon zu lange. Unser Körper, vorallem der hochsensible Organismus, zeigt uns ziemlich schnell, welche Richtung gesundend und heilsam, ist und welche nicht. Unsere Gedankenwelt, und die Gesellschaft, die uns suggeriert, nur keine unbedachten Schritte zu machen, hindert unsere inneren Impulse vielleicht zu oft, um wirklich einen verändernden Schritt in Richtung echter, natürlicher Lebendigkeit zu wagen. Es zahlt sich auf jeden Fall aus. Deine Worte „zugehörig und angekommen“ empfinde ich als einen Wunsch, deine Berufung (vermehrt) in deinen Arbeitsalltag zu integrieren. Welche sind deine allerliebsten und freudevermehrenden Tätigkeiten, bei denen du wirklich glücklich bist? Wobei du Freude und Lebendigkeit verspürst? Wir alle sind mit einzigartigen Gaben ausgestattet worden und unser Innerstes drängt immer wieder danach, diese auch ausleben zu dürfen. Findest du dich in diesen Fragen wieder?
      Du kannst mir gerne auch persönlich ein Mail schreiben kontakt@gefuehlsweise.at

      Herzliche Grüße,
      Julia

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