Ist der Singleanteil unter Hochsensiblen höher?

(Von Monika Richrath)

Seit ich begonnen habe, mit hochsensiblen Menschen zu arbeiten, habe ich den Eindruck gewonnen, dass empfindsame Menschen überproportional häufig als Single leben. Die Frage ist nur: warum?

Hat es etwas mit der Hochsensibilität an sich zu tun? Liegt es daran, dass sie keine geeigneten PartnerInnen finden (niemanden, den sie lieben können), sie sich nicht trauen, sich zu offenbaren, weil sie Ablehnung fürchten, daran, dass sie Angst vor Nähe und Intimität haben, sich nicht abgrenzen können, sie die Intensität ihrer Gefühle nicht gut aushalten oder weil sie nicht loslassen können? Bestimmt gibt es noch andere Gründe, die mir jetzt gerade nicht einfallen. Im Alltag kann man es vielleicht noch ganz gut hinbekommen, mit diesen Schwierigkeiten umzugehen, in einer Beziehung gestaltet sich das schon sehr viel schwieriger, schon aufgrund der häufig damit verbundenen räumlichen Nähe.

„Wo viel Glück ist, ist auch viel Leid.“

Dieses Zitat wird dem Künstler und Erfinder Leonardo da Vinci zugeschrieben. Er hatte es offensichtlich selbst recht schwer mit der Liebe. Dieser Spruch erschien mir zuerst ganz passend zum Thema – haben hochsensible Menschen doch auch eine ganz besondere Fähigkeit zum Leiden (möglicherweise auch zum Schwelgen in dem Leid?) – eben durch das Nicht-loslassen-können und zum endlosen Widerkäuen von Gedanken, Erlebnissen, Glaubenssätzen. Dann bin ich aber über das Wort „Glück“ gestolpert und spontan kam mir in den Sinn, dass ich das Wort „Liebe“ sehr lange sicherlich nicht mit dem Wort „Glück“ verbunden habe, denn:

„Liebe“ bedeutete früher vor allen Dingen: Schwierigkeiten.

Allem voran die Schwierigkeit, nicht verbunden zu sein. Mit niemandem eigentlich. Als Teenager war ich gelegentlich mit jemandem zusammen, aber immer nur kurz. Ich war mir immer der Tatsache bewusst, dass ich dem anderen nicht wirklich wichtig war – so wenig wie er mir. Meist glitten wir wieder wortlos auseinander ohne großen Abschiedsschmerz. Ohnehin hatte ich als junge Erwachsene eine fast panische Furcht vor Nähe und Intimität. Diese stand in krassem Gegensatz zu meiner Neugier und Experimentierfreude. Die Furcht ist irgendwann verschwunden, wurde abgelöst durch Bedürftigkeit – was ehrlich gesagt, keinen Deut besser war. Nähe und Distanz blieb über Jahrzehnte ein sehr großes Thema.
Ich kann zurückblicken auf eine zehnjährige Lebenszeit als Single (Online-Dating entpuppte sich dabei als völlige Katastrophe, aber das ist vielleicht mal einen eigenen Blog-Artikel wert.) Der Großteil meines Liebeslebens wurde jedenfalls bestimmt durch Beziehungen, die entweder vollkommen einseitig blieben, in denen andere Menschen wichtiger waren als ich, oder jemand sich nicht wirklich für mich entscheiden konnte etc.

Einmal blieb ich fünf Jahre lang gefangen in einer sehr unglückseligen Liebeskonstellation zu einer Frau, die mich auch liebte, aber nicht wagte, ihre alte Beziehung aufzulösen und sich für mich zu entscheiden. Dass ich so lange ausharrte lag daran, dass ich ihre Liebe zu mir so deutlich SPÜREN konnte – auch wenn sie (meist vergeblich) versuchte mich auf Abstand zu halten. Ich musste, um aus dieser Geschichte auszusteigen, einen regelrechten Kampf mit mir ausfechten. Heute denke ich mir, wenn ich damals schon gewusst hätte, dass ich hochsensibel bin, hätte ich das anders gehandhabt. Ich hätte gewusst, dass es nicht ausreicht, die Liebe einer anderen Person nur in mir zu spüren, sondern dass ich sie auch erleben und erfahren muss.

Nachdem ich herausgefunden habe, dass meine Schwierigkeiten mit der Liebe eng verbunden sind mit einem ganz grundsätzlichen, biografiebedingten Bindungsdefizit, hat mein Liebesleben sich nach und nach verändert.

Und verändert sich immer noch. Nicht zuletzt hat mir das Klopfen mit der EFT-basierten Klopfakupressur sehr dabei geholfen. Ich konnte hinderliche Glaubenssätze auflösen, wie: dass ich niemandem wichtig bin, dass ich nicht liebenswert bin, dass niemand mich jemals lieben wird usw. und selbst, wenn ich genau weiß, dass ich immer noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen bin (dort, wo ich eigentlich hinmöchte) ist mein Lebensgefühl in Sachen Liebe heute grundsätzlich anders.

Ich habe einen Platz in einer Beziehung gefunden, wo ich das Gefühl habe: Hier gehöre ich hin. Vermutlich ist es nicht erstaunlich, dass ich diese Person schon seit mehr als sechzehn Jahren liebe.

Früher fand ich, dass Singles es viel schwerer haben als Menschen, die in einer Paarbeziehung leben. Heute denke ich: die wahre Herausforderung liegt darin, als Paar verbunden zu sein und eine lebendige Beziehung zu bewahren, in der persönliches und gemeinsames Wachstum möglich sind. Und das verlangt ein beiderseitiges ständiges spürbares Engagement.

Als Single hat man es da wirklich vergleichsweise einfach.

Eigentlich muss es doch nicht sein, dass Hochsensibilität sich nicht mit einer Partnerschaft vereinbaren lässt? Viele hochsensible Eigenschaften wirken sich in einer Partnerschaft sehr positiv aus: Häufig können wir gut zuhören, uns gut in andere hineinversetzen, wir sind engagiert und liebevoll, tolle Gesprächspartner und vielseitig interessiert. Langweilig wird es mit uns ganz bestimmt nicht.

Vor allen Dingen nicht, weil wir gerne die großen Themen des Lebens besprechen und uns daran liegt, ein Wohlfühlambiente zu schaffen.


Monika Richrath,
Coach und Klopfakupressur-Therapeutin,
www.eft-fuer-hochsensible-menschen.de,
Buchautorin von „Die Geheimnisse des gesunden Schlafs“

 

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Ein Kommentar

  1. Ja oft denke ich, dass das einfacher ist. Als hochsensibler Mensch und mit hochsensiblen Kind ist es äußerst schwierig einen nicht hochsensiblen Mann/Papa zu haben. Ich muss zwar sagen, dass er natürlich dann in einigen Situationen der Gegenpol ist, bessere Nerven hat, Durchblick hat, wo wir im Wirrwarr versinken…. aber es fehlt Empathie, Leidenschaft, einfach nur Wohlfühlen, fallen lassen, Wahrnehmung der Details, die uns aber wichtig sind usw…..

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