Die Harmoniekompetenz von Hochsensiblen

(Von Luca Rohleder)

Hochsensible Menschen verfügen über eine ausgeprägte Intuition. Dieser sechste Sinn ist das, was Hochsensible in der Hauptsache deutlich von Normalsensiblen unterscheidet. Dieser Bestandteil ihrer Persönlichkeit versetzt sie in die Lage, mit dem Reich der Ideen, Ahnungen und Einsichten in Verbindung zu treten. Daraus resultiert eine Art inneres Wissen, das HSP subtil spüren lässt, ob etwas stimmig ist oder nicht. Betreten sie einen Raum, begegnen unbekannten Menschen oder werden mit sonstigen Gegebenheiten konfrontiert, spüren Sie sehr genau, ob zum Beispiel alles in Ordnung ist oder etwas im Argen liegt. Man könnte es aber auch etwas anders ausdrücken: Dieser subtil wirkende sechste Sinn bewirkt, ob Hochsensible etwas in ihrem Umfeld oder in ihrer Umwelt als harmonisch empfinden oder nicht. Dies ist auch die Erklärung, warum HSP ein ausgeprägtes Harmonieverständnis in sich tragen. Denn Harmonie entsteht immer dann, wenn alles stimmig ist

Das Harmonieverständnis von hochsensiblen Menschen ist ein Nebeneffekt ihrer ausgeprägten Intuition.

Der Bergiff Harmonie ist jedoch nur sehr schwer intellektuell fassbar – man muss ganz einfach „wissen“, was das ist. Es geht also augenscheinlich um eine Art „höherer Ordnung“. Werden wir damit konfrontiert, erleben wir das Gefühl der Harmonie. Sie ist im Prinzip die Richtigkeit des Schönen. Ein höheres Ideal, das durch die Natur unverrückbar vorgegeben ist und meist von allen Modeerscheinungen unberührt bleibt. Hochsensible besitzen also die großartige Fähigkeit ein Ideal der Stimmigkeit zu erkennen, ohne, dass ihnen dies in den meisten Fällen bewusst ist. Vielleicht ist dies auch die Ursache, warum sich viele Hochsensible nichts sehnlicher wünschen, als in Harmonie ihr Leben zu leben. Nichts kann sie daher mehr belasten, als nicht gelöste Konflikte, unausgesprochene Probleme oder sonstige Themen, die nicht im Gleichgewicht sind.

Das hohe Harmoniebedürfnis von Hochsensiblen ist also NICHT Folge mangelnder Konfliktbereitschaft oder der Angst, sich unbeliebt zu machen, sondern vielmehr ist es das Resultat eines inneren Wissens, was richtig oder falsch ist.

Nur sensible Menschen können diesen Satz tatsächlich verstehen. Wenig sensible Menschen werden darüber wohl nur den Kopf schütteln können, denn wenn Menschen bestimmte Missstände nicht wahrnehmen können, kann man ihnen auch nicht den Vorwurf machen, wenn sie sich nicht dagegen aufzulehnen. Oft sind sich Hochsensible dieser Tatsache überhaupt nicht bewusst und setzen einfach voraus, dass ein Gegenüber das gleiche innere Wissen und Harmonieverständnis besitzt wie sie selbst. Dies ist jedoch ein großes Missverständnis! Daher sollten besonders Hochsensible Verständnis aufbringen, wenn wenig sensible Menschen scheinbar fröhlich und unbedarft in einer aus den Fugen geratenen Welt leben können. Wer Schieflagen nicht wahrnehmen kann, dem ist es auch unmöglich, sich darüber Sorgen zu machen.

Aber auch bei Kleinigkeiten im Alltag oder sogar auf der Ebene der Kunst begegnen wir Menschen mit einem hohen Harmonieverständnis: Sicher ist Leonardo da Vinci einer der berühmtestes Vertreter eines Hochsensiblen, der durch sein inneres Wissen unfassbar Schönes erschaffen konnte. Er wusste, was ein „höheren Ideal“ ist. So konnte er der Menschheit Werke hinterlassen, die eine perfekte Harmonie ausstrahlen und sich für immer dem Diktat des Mainstreams entziehen werden. Das Gleiche gilt für die klassische Musik:

Beethoven, Bach & Co. werden immer gehört werden, egal welche Zeiten angebrochen sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: Obwohl die wenigsten HSP dazu berufen sind, große Künstler zu werden, tragen sie dennoch dieses geheimnisvolle Wissen in sich, ob etwas einer „höheren Ordnung“ entspricht. Wenn etwas auf einem Gemälde nicht zusammenpasst oder etwas bei einem Musikstück disharmonisch klingt, wird es Hochsensiblen sofort auffallen. Es ist ihr Urinstinkt, der sie den ganzen Tag, Minute um Minute spüren lässt, ob um sie herum alles stimmt oder nicht. Aber auch Geistiges können sie mit ihrem „höheren Ordnungssinn“ abklopfen. Hören Hochsensible von einer Idee oder einem Plan, haben sie recht schnell ein sicheres Gespür, ob das in die Realität passt oder nicht. Das können Arbeitsabläufe, Unternehmensstrategien, Werbekonzepte oder ganz einfach nur Lebensabsichten eines Bekannten sein.

Hochsenible sind damit imstande, sich sogar als Orakel zu betätigen.

Einige Hochsensible, die sich als Coach, Trainer oder Berater betätigen, können sich diese Fähigkeit manchmal selbst nicht erklären. Sie fühlen sich oft in der Lage, Zukunft vorherzusehen. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Zukunft ist nicht vorhersehbar! Vielmehr ist es ihr „höherer Ordnungssinn“. Sie „wissen“ ganz einfach, ob eine Idee, ein Umstand oder ein Vorhaben das Zeug dazu hat, sich in die Welt der Realität erfolgreich einzufügen oder nicht. Sie kennen die „höheren Regeln der Ordnung“, denen alles Leben unterworfen ist.

Leider leben viele hochsensible Menschen dies beneidenswerte Fähigkeit nicht immer aus. Dann kann man beobachten, wie sie versuchen, zumindest unbewusst ihr Harmonieverständis auszuleben. In dem Fall muss auf dem Schreibtisch alles seinen richtigen Platz haben. Oder sie eignen sich einen übertriebenen Ordnungssinn an, den sie z.B. in ihrem Zuhause im Übermaß ausleben. Alles muss rein und stimmig sein, damit sie zumindest ein ganz kleines Stück ihrer Vorstellungen über eine heile Welt erfüllt bekommen. Allerdings kann das Ganze schnell aus dem Ruder laufen und zur Last werden.

Perfektionismus ist die Kehrseite eines hohen Harmonieverständnisses.

Perfektionismus kann dann einige Konflikte auslösen: Hochsensible Mensch beginnen, selbst kleinste Fehler nicht mehr akzeptieren zu können. Bei der Arbeit verlieren sie die Fähigkeit zu improvisieren. Und wenn sie mit Schlamperei konfrontiert werden, kann dies sogar zu einer inneren Zerreissprobe ausarten. Alles, was nicht den eigenen perfekten Vorstellungen enstpricht, führt zu ernsten Problemen mit sich selbst und mit anderen.

Jedoch löst sich das Ganze auch schnell wieder auf, wenn Hochsenible erst einmal eingesehen haben, dass andere überhaupt nicht erkennen können, ob etwas perfekt ist oder nicht – ob es einem höheren Ordnungssinn entspricht oder nicht. Sie beginnen ihre goldene Mitte zu finden und ihre übertrieben sentimentale Weltsicht zu relativieren. Sie begreifen, dass andere einfach nicht in der Lage sind, bestimmte Umstände so durchleuchten zu können wie sie selbst. Ihre Toleranzbandbreite für nichtsensible Menschen beginnt sich zu erweitern und sie hören auf, andere von etwas überzeugen zu wollen, für das sie eh keinen Sinn verfügen.

Lebenserfahrene Hochsensible werden dann zu stillen Genießern und erfreuen sich insgeheim an ihrem einzigartigen inneren Wissen.

Wer Hilfe in Anspruch nehmen möchte, dem greifen sie gerne unter die Arme. Für alle anderen entwickeln sie die Stärke und den Mut, sie (wider besseren Wissens) ihrem Schicksal zu überlassen.  Mehr Leichtigkeit tritt ins Leben und sie verbannen die Gefahr, sich das Leid anderer auf die eigenen Schultern zu laden. Aber alles in allem wissen Hochsensible nur zu gut:

Wer die Welt zumindest ein ganz kleines Stück perfekter machen möchte, der sollte öfter hochsensible Menschen um Rat fragen.

Das LUCA TAGEBUCH, das etwas andere Tagebuch, Luca Rohleder, ISBN 978-3-9823032-0-8Luca Rohleder
Buchautor und Gründer des NETZWERKS HOCHSENSIBILIÄT
Herausgeber des LUCA TAGEBUCHS

Mehr über Rohleder

11 Kommentare

  1. Ja, diese ‚Korrekturlesebrille‘ kann auch ich nicht ablegen. In Büchern, die nach Erwerb mein eigen sind, liest der Stift sozusagen immer gleich mit. So schmunzele ich über mich selbst und komme gut über diverse grammatische Stolperpunkte hinweg. Seit Studienzeit lese ich auf Wunsch im Freundes- und Bekanntenkreis Korrektur.
    Wohl wissend, dass niemand, auch ich selbst nicht perfekt bin und privat sogar ‚Unperfektes‘ bewusst gelegentlich einbaue, weiß meine Umgebung so meine Korrekturneigung zu schätzen. Andernorts denke ich oft, ‚Autsch!‘, bleibe still und erspare mir selbst und anderen das nicht angenehme Gefühl der ‚Belehrung‘. Im Lektoratsbereich wiederum ist diese Fähigkeit, Neigung, Gabe aufbauend natürlich auf entsprechendem Wissen höchst willkommen.

  2. Mein halbes Leben dachte ich, ich wäre nicht ganz „richtig“ – je mehr ich mich nun mit Hochsensibiliät beschäftige, desto besser lerne ich zu verstehen, dass ich einfach nur „anders“ bin … und ich lerne zu akzeptieren, dass eben nicht alle so fühlen/sehen/denken… wie ich.
    Danke für die vielen tollen Erkenntnisse !

  3. Kann ich allem nur zustimmen. Der Perfektionismus ist manchmal ganz schön anstrengend – ich seh mal über die kleinen Fehler im Text hinweg

    Ich starte gerade mit meiner Gründung zur Selbständigkeit mit Energetik, Beratung und Coaching. Meine Zielgruppe sind u.a. natürlich HSP‘s

  4. ich freue mich, mehr über mich zu erfahren. kann es auch dein, dass man etwas nie ordentlich bekommt, weil man weiß, dass es eh nie perfekt wird?

    1. …ich hab im Laufe meines Lebens Nischen gefunden, in denen ich meine Unperfektheit auffangen kann.
      Weiß ich, daß ich „das“ nicht schaffe, weil es mir an Wissen, an Kraft, an Ausdauer, an Geld und und und fehlt, dann find ich eine Variante, in der ich mit mir zufrieden bin.
      Und nicht nur zufrieden, sondern „anders“ bin.

      Zwei Beispiele: Für Ballett hats nicht gereicht – aber für orientalischen Tanz.
      Und – mein Garten! Für eine klassische Gartenpflege reichen weder Zeit noch Kraft – nun hab ich einen wilden, blütenreichen und – wenn ich mir die Nachbarn so anschau – einzigartigen Garten in Permakultur.

      Mein ganzes Leben besteht aus solchen Beispielen – und das ist gut so!

      1. Danke für die Beschreibung deines ‚etwas anderen‘ Gartens. Meinem ist es genau gleich ergangen und auch wenn ich ihn sehr wild und blumig mag, passt er nicht wirklich in meine Nachbarschaft. Immer wieder schön Gleichgesinnte zu finden <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.