Was ist der richtige Beruf für Hochsensible?

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(gtü-db176) Die Kriterien für meine spätere Suche nach dem richtigen Beruf für Hochsensible wurden schon in meiner Kindheit offensichtlich.

An Silvester in den 80er Jahren war ich sechs oder sieben Jahre alt. Ich versteckte mich verschreckt hinter den braunen Sofas im Wohnzimmer und hielt mir die Ohren zu. Meine allererste Erinnerung an meine Hochsensibilität: Das Feuerwerk war zu laut, zu grell und alles zu viel.

Gülsah Tüfekci, Netzwerkmitglied, Profilbild
Ein Beitrag von Gülsah Tüfekci

Wäre es bei diesem Erlebnis geblieben, hätte ich gedacht, dass ich einfach ein kleines Mädchen war, das Angst vor dem Feuerwerk hatte.

In der Grundschule gehörte ich immer zu den Klassenbesten. Brav, ruhig und verantwortungsbewusst. Und wahnsinnig sensibel. Ich spürte, was die anderen dachten und fühlten. Es tat mir schon fast physisch weh, wenn sich Leute stritten.

Damals dachte ich, dass es normal sei, die Gefühle anderer fühlen zu können und dass das jeder vermochte.

Dem war – offensichtlich, wie ich sehr viel später verstand – nicht so. Dass ich noch einen weiten Weg zum richtigen Beruf als Hochsensible hatte, ahnte ich definitiv weder in der Schule noch im Studium.

Doch so richtig zeigte sich mir die Hochsensibilität, als ich in die Berufswelt einstieg:

Ich tickte nicht so wie die anderen.

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Probleme im Beruf als Hochsensible

Ich startete mit großen Plänen und noch größeren Ambitionen ins Berufsleben, aber die Ernüchterung kam schnell. Schon zuvor im Studium merkte ich:

Die vielen Menschen um mich herum, das ist mir zu viel.

Der Trubel führte zu andauernder innerer Anspannung, ich war auf Rückzug geschaltet, brauchte viele Ruhepausen, um mich von den Lehrveranstaltungen zu erholen.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich hochsensibel und empathisch bin. Also machte ich das Beste aus der Situation: Ich blieb zu Hause, wenn ich es nicht schaffte, mich den Reizen an der Hochschule auszusetzen. Lernte alleine in der Bibliothek, brachte mir vieles selbst bei, dass ich durch den mir entgangenen Unterricht verpasste.

Doch im Beruf ging das natürlich nicht mehr. Ich war gezwungen, mich den Reizen aussetzen und so begann ein gefühlt ewig andauernder Kampf. Auch gegen mich selbst.

  • Die Großraumbüros.
  • Die (sinnbefreiten) Meetings in engen, stickigen Räumen.
  • Die Anspannung, der Stress und der Frust von Kolleginnen und Kollegen.
  • Zeitdruck, Leistungsdruck und der “immer-toll-performen”-Druck.
  • Vollzeitjobs ohne den Raum, herunterzukommen und abschalten zu können.
  • Jobs, von denen ich dachte, dass es meine absoluten Traumjobs sind, nur um dann festzustellen: Das passt überhaupt nicht zu mir.

Was folgte, war: Jobhopping.

Da mir erst viele Jahre später der Begriff Hochsensibilität über den Weg lief und ich damit endlich eine Erklärung für meine Situation hatte, dachte ich die ersten Berufsjahre stets, dass es am Job lag.

Oder an mir. Also wechselte ich. Und wechselte. Und wechselte wieder. Doch ich schien nicht anzukommen. Bis ich wirklich verstand und akzeptierte: Ich kann bestimmte Dinge von mir nicht verlangen. Ich hatte ganz genaue Vorstellungen davon, was ich nach meinem Studium machen sollte und wohin mein Weg mich führt.

Doch tatsächlich führte der Weg nirgendwohin. Langsam fing meine Gesundheit an, darunter zu leiden. Verschiedene Symptome traten auf und es wurde immer schlimmer.

Die falschen Jobs und das Festhalten an meinen alten Zielen führten letztlich ins totale Burnout und zur Erkrankung.

Monatelang konnte ich nicht mehr vom Bett aufstehen und kämpfte mich ganz langsam wieder zurück.

Ich musste die Reißleine ziehen. Dazu gehörte die Änderung meines Lebensplans: Meine Visionen bis dahin hatten letztlich nur dazu geführt, dass ich krank wurde und sehr unglücklich war.

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7 Fragen für Hochsensible im Beruf

Die Berufung und der richtige Beruf für Hochsensible kann ein nicht so leichtes Unterfangen sein. So wie die Hochsensibilität unterschiedlich ausgeprägt sein kann, haben wir unsere individuellen Charakteristika, Ziele, Stärken und Fähigkeiten. Und damit kann es keine pauschale Empfehlung geben.

Die Fragen, die ich mir stellte und die mir halfen, waren:

  1. Wo will ich langfristig hin?
  2. Wo liegen meine wahren Ziele?
  3. Was sind meine wahren Stärken, aber auch Schwächen? (ehrlich sein hilft!)
  4. Wie kann ich meine Stärken mit meiner Hochsensibilität zusammenbringen?
  5. Was habe ich aus meinen ehemaligen Jobs gelernt?
  6. Wo lasse ich mich noch von meinen alten Vorstellungen, den Erwartungen meiner Familie und/oder der Gesellschaft leiten?
  7. Wo ist der rote Faden in meinem Leben?

Vollzeit arbeiten

Vollzeit zu arbeiten, ist für mich inzwischen ein No-Go. Für mein Wohlbefinden brauche ich einen begrenzten Zeitraum, in dem ich in einer Arbeitsstelle mit anderen Menschen zusammenarbeite.

Irgendwann kommt sonst der Punkt, an dem es zu viel wird.

Das wirkt sich dann auf die Laune am Abend aus, auf die Gesundheit, auf die sozialen Verbindungen und aufs Wochenende. Die Zeit des Alleinseins, um die Batterien wieder aufzuladen ist sehr begrenzt und wenn sich das Woche um Woche wiederholt, kommt unweigerlich der Punkt der Erschöpfung.

Berufe ohne Reizüberflutung

Wie klingt eine Tätigkeit als Polizist, als Eventmanagerin, als Kundenbetreuer, Kassiererin? Wenn sich da schon der Magen zusammenzieht, zeigt der Körper an: Das passt nicht.

Unter hohem Druck zu arbeiten, vielen Reizen ausgesetzt sein, zu viel Menschenkontakt zu haben – all das kann auf Dauer ungesund und unpassend sein.

Berufe ohne Reizüberflutung können beispielsweise die Tätigkeit als Fachredakteurin, natur- und tiernahe Beschäftigungen, Therapeuten, Kreativjobs (Grafiker, UX-Designer, Content Creators) oder in Lehre und Bildung sein. Auch hier lassen sich je nach Arbeitgeber und Position Unterschiede feststellen: Beispielsweise hat ein Journalist bei einer Tageszeitung enge Deadlines, wohingegen Fachredakteure sich in Ruhe mit ihrem Thema befassen können. Ein Probetag in einem Wunschjob kann helfen, um die richtige Entscheidung treffen zu können.

Großraumbüro

Puh, ganz schwierig. Ich habe in Großraumbüros gelitten. Oft unter der sehr angespannten Stille, etwa nach Auseinandersetzungen von Kollegen oder Chefs, oder dann wiederum unter der Lautstärke.

Regelmäßig habe ich mich aus dieser Situation herausgezogen, um für ein paar Minuten alleine zu sein und mich zu zentrieren.

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Sich selbst kennen

Wie oft sitzt man als Hochsensible in der Mittagspause oder Kantine da und wünscht sich sehnlichst, sich aus dem Brimborium zurückzuziehen zu können und alleine zu sein? Während alle anderen “normal” zu sein scheinen, mit allem zurechtkommen, fühlt man sich als das Einhorn, das offensichtlich so anders ist.

Sich zu verurteilen, kommt einem da schnell in den Sinn. Daher ist es so wichtig, zu lernen, wie Hochsensible ticken und das zu akzeptieren.

Sich nicht in Rollen hineinzuzwängen, sich zu maskieren, zu forcieren. Das geht auf Dauer nicht gut.

Daher: nachsichtig mit sich selbst sein, Güte walten lassen. Auch hilft es, mit Affirmationen zu arbeiten, wie zum Beispiel:

  • “Ich nehme mich an, so wie ich bin”
  • “Ich werde so akzeptiert wie ich bin”
  • “Meine Hochsensibilität ist etwas Positives”
  • “Es ist absolut in Ordnung, dass ich anders bin als andere”
  • “Menschen (oder meine Kollegen und Kolleginnen) mögen mich wie ich bin”
  • “Ich bleibe ganz bei mir”

Je mehr Akzeptanz und Güte in Dir selbst, desto eher wird das im Außen widergespiegelt.

Die richtige Branche und der richtige Beruf für Hochsensible

Jeder Mensch hat sein ganz eigenes Naturell. Und jeder Mensch hat einen Seelenplan für sein Leben. Manchmal dauert es, das richtige zu finden und es ist auch nicht falsch, verschiedene Dinge auszuprobieren. Oft weiß man erst danach, ob es passt oder nicht. Das gilt vor allem für die, die noch keine genaue Ahnung davon haben, wohin es gehen soll.

Als Kinder haben wir oft ganz unvoreingenommen den richtigen Riecher: Die Vorstellungen von dem, was man macht, wenn man “groß ist” oder wie man sich selbst sieht.

Es gibt auch den roten Faden, den man erkennen kann, wenn man auf seine zurückliegende Berufserfahrung zurückblickt.

Oft lässt sich ein Muster erkennen, eine Symphonie von Erfahrungen und erlerntem Handwerk. Wie, als ob man bei einem Spaziergang die schönsten Steine sammelt, um später daraus ein Kunstwerk erstellen zu können.

Wichtig ist, auf den eigenen Körper und auf die eigene Intuition zu hören.

Sich verschiedene Branchen anzuschauen, wie etwa Medizin, Technik, Sozialwesen, Lehramt, Medien & Marketing, Tourismus, IT und so weiter. Das Gefühl wird sich bei jeder Branche melden und etwas dazu zu sagen haben. Die Intuition ist die stärkste Weggefährtin der Hochsensiblen.

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Spezialfall hochsensible Scannerpersönlichkeiten

Tricky! Ich selbst bin hochsensible Scannerin und weiß aus Erfahrung, dass die Kombination der sanften, zartbesaiteten, hochsensiblen Seite und der überaus motivierten, ehrgeizigen, multi-talentierten und multi-interessierten Scannerin oft ein heftiges Ziehen und Zerren ergibt.

Hier kann es helfen, sich klarzumachen, dass ein Job nicht alle Interessen, Ansprüche und Wünsche vereinen muss (ist das denn überhaupt möglich?).

Wenn der Hauptjob, der viel Lebenszeit vereinnahmt, für unser Wohlbefinden sorgt und unsere Hochsensibilität trägt, ist schon so viel Gutes getan.

Doch auch die Scannerseite möchte sich gut aufgehoben fühlen: Interessen können im Hauptjob untergebracht werden, wenn möglich. Wenn jemand z.B. als Arzthelferin arbeitet und seine kreative Seite ausleben möchte, könnte man dem Arbeitgeber anbieten, die Social-Media-Texte zu übernehmen. Alternativen können im Ehrenamt liegen, in Hobbys oder in einer nebenberuflichen Tätigkeit.

Fazit: Die Berufung für Hochsensible

Ob der Job nur ein Beruf oder eine Berufung sein soll, liegt letztendlich in der individuellen Entscheidung. Nicht jeder möchte seine Berufung im Hauptjob leben. Vielleicht ist es die Berufung, Mutter sein zu wollen. Nebenberuflich als Designerin tätig zu sein. Im Altenheim zu helfen.

Die Berufung hat keine Normen und Vorgaben zu erfüllen.

Wichtig ist und bleibt: Es darf Hochsensiblen im Beruf gut gehen. Es darf einem die finanzielle Sicherheit und das Wohlbefinden geben, das man braucht.

Wenn Ängste, gar Panik aufkommen oder die Gesundheit unter dem Job leidet, dann ist es an der Zeit, etwas zu ändern.

Gülsah Tüfekci, Karriere- und Purposecoaching für Hochsensible, www.guelsah.com, Netzwerkmitglied für 80797 München (D)


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