Overthinking: Ein typisch hochsensibles Thema

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(shü-db180) Ich höre ein Lied, das mich besonders anrührt. Automatisch singe oder summe ich mit. Sitze ich gerade nicht im Auto, schwinge ich auch mal das Tanzbein dazu. Die letzten Töne verklingen – äußerlich. Doch in mir singt und spielt es weiter. Die Melodie weicht nicht aus meinen Kopf. Sie begleitet mich für den Rest des Tages oder länger. Auf eine ähnliche Weise erlebe ich es auch mit bestimmten Gedankenkreiseln, dem sogenannten Overthinking – ein typisches hochsensibles Thema.

Sandra Hüttenrauch, Netzwerkmitglied, Profilbild
Ein Beitrag von Sandra Hüttenrauch

Andere Beispiel sind Eindrücke, die täglich auf mich einströmen:

  • Das letzte HSP-Treffen,
  • ein Traum, der mich in der Nacht begleitete,
  • ein Kurztrip mit meinen Kindern,
  • das Elterngespräch, das ich als Lehrerin mit einer besorgten Mutter führte
  • und, und, und.

All das klingt in mir nach. All das will durchdacht und durchfühlt werden, auch, wenn das Ereignis bereits der Vergangenheit angehört. Oft höre ich auch das Echo einzelner Sätze oder Worte meines Gegenübers. Was könnte er/sie damit gemeint haben? Welche Botschaften stecken dahinter?

Lieber doch „normal“ sein?

Sehnsüchtig blicke ich dann auf neurotypische Menschen: Sie haben es scheinbar leichter und die Fähigkeit, ohne großartige Pausen von einem Treffen zum nächsten zu „springen“. Auch schwierige und emotionale Gespräche haken sie schneller ab, nehmen es nicht allzu persönlich und gehen zügig zur Tagesordnung über.

Natürlich kann ich auch als hochsensibler Mensch meine Gedanken bewusst steuern.

Meinen Emotionen bin ich nicht hilflos ausgeliefert. Doch versuche ich mich so, wie die meisten Menschen zu verhalten, endet das spätestens nach drei bis vier Tagen in einem Chaos- und Erschöpfungszustand. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass Hochsensible anders „funktionieren“ und dieses Anderssein sogar als Stärke nutzen können.

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2 Empfehlungen gegen hochsensibles Overthinking

1. Ordnung im Aktenschrank der Seele:

Eine meiner hochsensiblen Freundinnen gebrauchte für diesen inneren Zustand das Bild eines Aktenschrankes. Vor diesem Aktenschrank liegt ein riesiger Stapel unbearbeiteter Unterlagen. Dieser Papierstapel wird immer größer. Ist er zu hoch, fällt er in sich zusammen und das Chaos ist vollkommen.

Schlauer wäre es, möglichst bald den Haufen „abzuarbeiten“. Dazu muss jedes einzelne Blatt noch einmal in die Hand genommen werden. Ich lese es mir durch, lasse es auf mich wirken und überlege in welche Schublade und welchen Ordner es richtig einsortiert gehört. Dieser Prozess klingt vielleicht stupide und rational. Tatsächlich handelt es sich um einen äußerst kreativen Ablauf.

Ich kaue nicht nur wieder, sondern verdaue.

Ich erlebe das Erlebte nicht wie bei einer Wiederholungsschleife. Vielmehr integriere ich es in ein neues Bild meiner Seelenlandschaft. Ich spinne täglich ein neues Netz von Zusammenhängen und Verbindungen. Es entsteht etwas, das vorher noch nicht da war. Gerade in diesen Zeiten kommen mir Blitzgedanken und Erkenntnisse, entstehen kreative Werke wie Bilder, Geschichten und Gedichte, Projektideen. Hier erlebe ich mich im Flow und tanke meine Energien wieder auf!

Elaine Aron (Psychologin und Pionierin der Hochsensibilität) nennt diesen Prozess „die tiefe Verarbeitung von Informationen“, welche eines der vier klassischen Erkennungsmerkmale von Hochsensibilität darstellt.

2. Den Staub von der Seele wischen:

Wie die Seelenhygiene konkret aussieht, darf und sollte jede hochsensible Person für sich selbst herausfinden. In der pädagogischen Didaktik heißt ein Prinzip „Input braucht Output“. Ein-drücke müssen aus-gedrückt werden. Mir persönlich helfen diese Tätigkeiten, um dem Nachklingen und Verarbeiten Raum zu geben:

  • Allein-Zeit / Me-time
  • Tagebuch schreiben
  • Die Natur auf mich wirken lassen
  • Meditieren und beten
  • Bewegung: joggen, spazieren, tanzen
  • Kreativ werden: zeichnen, Gedichte schreiben

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Ich lade dich ein, deine persönliche Nachklangzeit zu gestalten und deine Seele „aufzuräumen.“ Zehn Minuten täglich sind oft wirksamer als ein „Großputz“, zu dem man sich nicht aufraffen kann!

Ein geputztes Haus erstrahlt wieder in seiner Schönheit!

„Es ist wie mit dem Geheimnis der Klangfarben einer Geige. Sie sind ein großartiges Gleichnis, was man vielleicht Klangfarben der menschlichen Seele nennen kann… Auch das seelische Leben des Menschen ist von inneren Kräften bestimmt. Spannung und Bewegung, Erwartung und Erfüllung, Hoffnung und Handlung.Was wir damit verbinden gleicht der kinetischen Energie einer Resonanz. Die seelische Resonanz bestimmt in ihren Kräften die Persönlichkeit des Menschen. Sie bestimmt die Klangfarbe, die wir ausstrahlen.“ (Martin Schleske: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens. S. 84. 87.)

Aufgeräumt und geordnet lebt es sich glücklicher!

Sandra Hüttenrauch, Psychologische Beraterin, Diplom Religonspädagogin, Coach für Hochsensible, www.lebenskunst-huettenrauch.de, Netzwerkmitglied für 83313 Siegsdorf (D)


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2 Kommentare

  1. Hallo Petra, dies kann ich sooo gut nachvollziehen! Ich bin nun 61 und erst seit 2 Jahren hat sich mir das ganze Spektrum der Hochsensibilität erschlossen. vermutlich bin ich auch noch Synästhetikerin. Früher hätten mich meine Kollegen eingesperrt…… ich hab mich immer ein bisschen versteckt mit meinen Wahrnehmungen. Zum Glück!
    Einige der Wahrnehmungen von hochsensiblen Menschen erfüllen die Kriterien zur Diagnose einer Schizophrenie. Es müsste die ganze Psychiatrie neu geschrieben werden!
    Nun ist es endlich offiziell: Wir sind ganz normal 🙂

  2. Endlich habe ich nach 68 Lebensjahren Erklärung gefunden um mich und mein Leben zu verstehen und zu ordnen. Es ist für mich eine große Erleichterung aus der Schublade der Psychiatrie mit Depression und Panik in die Neurodiversität zu kommen. Die Folgen von lebenslangem Anderssein ohne Verständnis und Begreifen dass es trotzdem normal ist – diese Folgen sind gravierend.

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