Vantage-Sensitivität, was ist das?

(Von Caren Klaschka)

Wieder einmal kursiert ein weiterer Begriff durch die neurowissenschaftliche Szene zum Wesensmerkmal der Hochsensibilität: Vantage-Sensitivität. Was soll das sein? Wieder ein neues Wort für ein bereits bekanntes Phänomen? Oder ein neues Etikett für ein hinlänglich eingeordneter Persönlichkeitstyp? Haben wir nicht bereits ausreichend Begriffe zur Verfügung?

Als ich zum ersten Mal davon hörte, saß ich in einem Hochsensiblen-Kongress in der Schweiz. Allerdings war ich nicht auf Anhieb angetan von einer weiteren Kategorisierung im Rahmen der Hochsensibilität. Und doch hat mich etwas daran angesprochen. Seither habe ich es wie eine gefundene Muschel hin und her gedreht und darin das entdeckt, was sich mit meinem Ansinnen in der Arbeit mit Hochsensiblen deckt: der Fokus auf die Stärken.

Vantage – das Vorteilhafte

Vantage suggeriert Vorteil, also das Vorteilhafte. Nicht gegen Andere, sondern für sein Wesen. Zum eigenen Wohlsein und das der Anderen.

Mein Nordstern in den Coachings oder Seminaren ist die jeweils individuelle Stärke des Wesensmerkmals. Da geht es hin. Alles ist darauf ausgerichtet. Meine positive Vorannahme ist, dass jeder sie in sich trägt und sie freilegen kann, auf seine ureigene Art und Weise. Das Freilegen ist dann eine sehr individuelle Angelegenheit.

Wenn wir uns die vielen Bücher und Ratgeber anschauen, die inzwischen zu dem Wesensmerkmal zu finden sind, wissen wir, dass es keine Allgemeinempfehlungen gibt, die auf alle gleichwertig passen oder wirken. Es sind immer nur Annäherungen. Immerhin gewinnt sich mit jeder neuen Erkenntnis ein nächster Schritt.

Der Begriff Vantage-Sensitivität ist auf den Schweizer Entwicklungspsychologen Prof. Michael Pluess zurückzuführen. Er definiert Sensitivität bezogen auf alle Menschen so:

Die Fähigkeit, die Umgebung wahrzunehmen und diese Wahrnehmung zu verarbeiten.

Menschen sind dabei unterschiedlich sensitiv. Nichts Neues. Manche bringt eine negative Erfahrung schwer ins Schleudern und sie knabbern lange daran herum. Andere bringt es für einen Moment ins Wanken und dann sind sie wieder in der Spur. Und noch Andere schütteln den Staub ab und nehmen es zum Anlass, das Geglückte am Straucheln hervorzuheben und gestärkter weiterzugehen. Oft bestaunen oder gar beneiden wir Letztere und fragen uns: was ist mit mir nur verkehrt, dass mir das nicht auch so leicht gelingt?

Sensitivitäts-Grade

Nun, verkehrt ist erstmal gar nichts. Viele unserer „Baustellen“ sind in dem Umfeld entstanden, in dem man groß geworden ist. War das Umfeld einem zugewandt und wohlgesonnen oder war es herausfordernd und gegen einen gerichtet? Das Erleben hat uns entsprechend positiv oder negativ geprägt. Dies gilt für alle Menschentypen, egal welchen Sensitivitätsgrades. Neurobiologisch wissen wir inzwischen, dass es, grob kategorisiert, hochsensitive, mittel- und wenigsensitive Menschen gibt.

Die Auswirkungen der frühen Erlebnisse scheinen bei den Hochsensiblen jedoch tiefer zu gehen. Dies gilt in die eine wie in die andere Richtung. Wer in einem Umfeld groß geworden ist, das sich nährend auf das Wesen, Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis ausgewirkt hat, bringt andere Voraussetzungen mit als jemand, der in einem verzerrten oder verletzenden Umfeld herangewachsen ist. Diese Bedingungen bilden die Ursache für die innere Ausrichtung und Verarbeitung von Erlebnissen. Und dies zeigt sich an der Art der Verletzlichkeit, der Vulnerabilität. So gibt es unter den Hochsensiblen so genannte Vulnerabel-Sensitive, Generell-Sensitive und Vantage-Sensitive. Es heißt:

  1. Vulnerabel-Sensitive nehmen negative Erfahrungen tiefgreifender als negativ wahr, als die anderen.
  2. Generell-Sensitive nehmen sowohl negative wie positive Erfahrungen gleichwertig wahr.
  3. Vantage-Sensitive nehmen positive Erfahrungen besonders tiefgreifend wahr.

Nun fragt sich, ob man sich von einem Vulnerabel- über einen Generell- zu einem Vantage-Sensitiven entfalten kann?

Die Empfänglichkeit

Die Unterscheidung der verschiedenen Sensitiv-Typen liegt laut Pluess bei einem wichtigen Momentum in der Wahrnehmung:

Es ist die Empfänglichkeit für negative oder positive Erfahrungen, die sogenannte Suszeptibilität.

Und dies kann jeder an sich selbst beobachten: Wie nehme ich mich wahr? Wie lese ich die Dinge? Was lösen sie in mir aus? Was mache ich damit?

So werden persönliche Muster und blinde Flecken sichtbar. Eines ist gewiss: ich kann nicht meine feinen Antennen abschalten oder meine intensive Wahrnehmung dämmen, aber ich kann lernen sie zu steuern. Ich kann durch jedes wiederholte Steuern die Verarbeitung der Wahrnehmung zu einem veränderten neurologischen Ablauf führen, als bisher. Es ermöglicht mir, bewusst und achtsam in das Geschehen einzugreifen. Dazu gehören sowohl meine Gefühle als auch meine Gedanken.

So kann ein vulnerabel-sensitiver Mensch die Empfänglichkeit für negative Erfahrungen durch bewusste Achtsamkeitsrituale oder andere Resilienzmethoden abmildern. Zugleich kann die eigene Empfänglichkeit für positive Erfahrungen bewusst intensiviert werden. Dies kann dazu führen, dass sich eine Generelle-Sensitivität einstellt von der aus sich zu einer überwiegenden Vantage-Sensitivität fortfahren lässt. Ein solch wiederholtes Steuern ist wie ein neurologisches Training und wirkt sich auf Zeit stark aus. Ja, es gilt auch hier der Zauber der Wiederholung.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, es lohnt sich extrem. Die feine Wahrnehmung wird immer mehr als Gewinn und als Genuss erfahren. Und je stimmiger wir uns fühlen, desto mehr können wir Sinn und Richtung, Wert und Vision ausleben. Die hohe Wahrnehmung hat so zauberhafte Gemütsreichtümer, Kreativitätswelten und Intuitionsreichweiten inne, die dieses Miteinander auf dieser wundersamen Erde ganzheitlich und so vielseitig bereichern kann. Also, auf geht’s!

Caren Klaschka, Trainerin und Coach für Hochsensible
www.loomia-institut.de
www.lichtiges.de

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