Das hochsensible Verständnis für Zeitqualität

(fh-db072-b1) Die Vorzüge unserer modernen, globalisierten Gesellschaft sind nicht mehr wegzudenken, durchaus bequem und angenehm. Doch gerade für Hochsensible kann es zur Herausforderung werden, wenn stets alles zu jeder Zeit verfügbar ist und sich die Jahreszeiten (natürlich auch durch den Klimawandel) mehr und mehr angleichen – wenn der Alltag um sie herum nicht mehr zur eigentlichen Zeitqualität, d. h. zur  ursprünglichen Bedeutung der jeweiligen Jahreszeiten zusammenpasst.

Friederike Hüsken
Ein Beitrag von Friederike Hüsken

Ab September gibt es Spekulatius im Supermarkt und kaum ist die Weihnachtsdeko weggeräumt, werden die ersten Ostereier aufgehängt.

So wie der Jahreskreis in seiner ursprünglichen Form mit seinen Jahreszeiten und Festen seine Rhythmen hat, haben auch wir unsere Rhythmen.

Und so wie die Natur in zu milden Wintern und zu trockenen Sommern durcheinander kommt und z. B. viel zu früh einige Pflanzen ihre Blüten zeigen, kommen auch wir durcheinander. Hochsensible Menschen nehmen dies natürlich verstärkt wahr. Doch es geht nicht nur um die äußeren Veränderungen.

Der Jahreskreis hat in jeder einzelnen Phase seine eigene Qualität, Aufgabe und auch Energie. Darauf sind auch heute noch fast alle unsere Rituale, Feiern und Bräuche aufgebaut – unabhängig der christlichen Verknüpfung oder einer naturverbundenen Herkunft.

So findet z. B. Ostern heute immer noch am ersten Vollmond nach Frühlingsanfang statt.

Vieles hat allerdings im Laufe der Zeit an ursprünglicher Bedeutung verloren. So erfreuen sich viele rund um den 1. Mai an Maibowle und Tanz und kennen dabei kaum mehr die ursprüngliche Bedeutung des Maibaum-Aufstellens.

Früher war es für das tägliche Leben und das Überleben an sich wichtig, Jahreskreisfeste oder bestimmte Ereignisse wie die Aussaat, Wetterbeobachtungen, die Ernte oder die Zeiten der Tierwanderungen zu kennen. Doch dieses „Erbe“ steckt heute noch in uns. Wir holen uns im Winter das „Immergrün“ ins Haus und schmücken es. Die Wintersonnenwende und Weihnachten sind eng verknüpft.  Gefeiert wird die Geburt des Lichtes und das holen wir uns mit dem Tannenbaum herein.

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Hochsensible Menschen gegen Herbst und Ende des Jahres eher bedrückt und traurig sind (damit ist keine ICD10 – diagnostizierte Depression gemeint). Viele haben dabei das Gefühl, dass es gar nicht unbedingt ihre eigene Verstimmung ist oder können sich auch nicht mit den unter der „Winterdepression“ Leidenden identifizieren.

Ende Oktober beginnt die Zeit, die der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben, Vergänglichkeit, Ehrung der Ahn*innen gewidmet war und ist: Samhain, Allerheiligen, Allerseelen, Ewigkeitssonntag, Volkstrauertag, Totensonntag folgen dicht aufeinander.

Also querbeet durch Konfession und Gesellschaft liegen diese Themen seit Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten in dieser Zeit in der Luft und in den Genen.

Hochsensible Menschen haben feine Antennen, nach außen – wie auch nach innen. Sie nehmen diese Stimmung des Kollektivs auf oder eine kleine Trauer meldet sich, da sich vielleicht der Verlust einer nahestehenden Person noch einmal zeigen möchte, auch wenn er schon in der fernen Vergangenheit liegt.

Und es kann verstörend sein, nicht zu wissen, warum man grade so fühlt.

Selbstzweifel, Vorwürfe, alte Glaubenssätze aber vor allem die den Hochsensiblen Menschen so gut bekannten Zweifel an der eigenen Wahrnehmung können dadurch aktiviert werden.

Es macht einen Unterschied, zu wissen, dass der März langsam aus dem Winterschlaf wach küsst und der April aus dem Bett schmeißt. Und es macht einen Unterschied, zu wissen, dass in dieser Zeit das hochsensible System besonders gefordert ist. Neue Ziele wollen definiert und die neue Energie ins Außen gebracht werden. Gleichzeitig piekst das Thema Loslassen (nicht nur) des Winters und die letzten Reste der Altjahresausläufer wollen verabschiedet werden. Ein Frühjahrsputz mit Ausmisten und Bestandsaufnahme kann da nicht nur das Ordnungsempfinden entlasten. Es wird auch neuer Raum im Innen geschaffen.

Es kann also (nicht nur dann) sehr hilfreich sein, sich mit alten Bräuchen, Jahreskreisfesten und vielleicht sogar den Traditionen der eigenen Herkunftsregion oder der eigenen Familie auseinanderzusetzen.

Eine kleine Ecke im Haus/in der Wohnung mit jahreszeitlichen Naturmaterialien, z. B ein Teelicht und dazu ein paar Kastanien oder ein schönes buntes Blatt im Herbst, ein kleiner Tannenzweig oder Ilex im Winter, ein Krokus im Frühjahr oder Gänseblümchen im Sommer helfen uns täglich daran zu erinnern, wo wir uns im Jahr befinden. Auch wenn die Erdbeeren im Dezember und die Spekulatius im Sommer schon im Regal stehen.

Insbesondere Hochsensible Menschen können durch solche Impulse Sicherheit finden. Zu wissen, warum wir etwas so feiern, tun – oder fühlen, erfüllt das Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung.

Wenn individuell einige Fixpunkte im Jahr begangen, gefeiert, bedacht werden, kann das eine tiefe Verbundenheit und Zufriedenheit mit sich bringen.

In diesem Sinne kommen Sie gut durchs Jahr und gestalten Sie ihre vielleicht neu entdeckten Traditionen.

Friederike Hüsken, Fachberaterin für Hochsensibilität,
www.sensibelle.deNetzwerkmitglied für Kiel

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