Eignet sich die berufliche Selbstständigkeit für Hochsensible?

(st) Interview mit der Buchautorin Sandra Tissot:

Welche Herausforderungen gibt es für Hochsensible im Job-Alltag allgemein?

Sandra Tissot
Sandra Tissot

Sandra Tissot: Das klassische Angestelltendasein suggeriert zunächst Sicherheit. Es kann sich für Hochsensible aber schnell wie ein „Gefängnis“ anfühlen. Gerade dann wenn sie sich nicht selbst entfalten können und die eigentliche Entscheidungsgewalt immer bei anderen liegt. Ein vordefiniertes Arbeitsumfeld, fremdgesteuerter Leistungsdruck und die stille Abhängigkeit von Vorgesetzen, Kollegen oder Kunden bringen Hochsensible schnell an körperliche und auch an gesundheitliche Grenzen. Ein Ursache dafür liegt in mangelnden oder fest vorgeschrieben Regenerationsphasen (feste Arbeits- Mittagszeiten etc.). HSP benötigen aber gerade diese Regeneration viel häufiger, um neue Energie zu tanken.

Die aus Unternehmersicht vielgelobten Großraumbüros sind für Hochsensible beispielsweise auf Dauer unerträglich. Lärmpegel und der erzwungener Umgang mit anderen Menschen auf engstem Raum können zur enormen Stressbelastung avancieren. Ein klassisches Angestelltenverhältnis führt Hochsensible hier nicht selten in eine tiefe Sinnkrise.

Du hast ein Buch darüber geschrieben. Welche Chancen siehst Du für Hochsensible in der Selbstständigkeit? Welche Vorteile der Hochsensibilität lassen sich hier nutzen?

Sandra Tissot: Hochsensible sind im Grunde ihres Herzens oft absolute Freigeister. Sie legen großen Wert auf Unabhängigkeit. Sie treffen gern selbstbestimmte Entscheidungen. HSP haben außerdem ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Wirklich kreativ werden sie meist erst dann, wenn sie keinen starren Strukturen oder Hierarchien folgen müssen. Die berufliche Selbstständigkeit ermöglicht es ihnen, an vielen Stellen eigenmächtig Entscheidungen zu fällen. Sie können wählen, mit wem sie zusammenarbeiten und welche Rahmenbedingungen dafür förderlich sind. Angefangen bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes, über die flexible Zeiteinteilung bis hin zur Projektauswahl. Mit auf das hochsensible Naturell abgestimmten Regenerationsphasen, blühen HSP hier nicht selten erst richtig auf.

Dabei können HSP Ihre Fähigkeiten zum vollen Einsatz bringen. Dank einer ausgeprägten Wahrnehmung wissen sie oft vorher instinktiv, was funktioniert und richtig ist. Hochsensible können in komplexen Zusammenhängen denken. Darüber hinaus sind sie oft in der Lage Kunden dort abzuholen, wo sie sich aufgehoben und gut beraten fühlen. Alle wertvollen hochsensiblen Gaben wie Empathie, Intuition, Kreativität, vernetztes Denken sowie Ideenreichtum lassen sich in der Selbstständigkeit ideal nutzen.

Der Sprung in die Selbständigkeit stellt für viele Hochsensible eine große Herausforderung dar. Wie können Hochsensible Selbstzweifel und Existenzängste überwinden?

Sandra Tissot: Gesunde Selbstzweifel gehören dazu, sie bewahren Hochsensible vor Fehlentscheidungen und leiten sie wie ein unsichtbarer roter Faden. Entscheidend ist es geplant vorzugehen. Es ist absolut nicht empfehlenswert ein Angestelltenverhältnis aus einer Laune heraus zu kündigen. Emotional geleitete Kurzschlussreaktionen sind selten ein guter Ratgeber.

Eine berufliche Selbstständigkeit ist immer nur so gut, wie ihre Vorbereitung. Recherchearbeit, Behördengänge und ein gut organisierter Businessplan sind ein absolutes Muss. Steht die geplante Selbstständigkeit auf einem soliden Fundament, gibt das Hochsensiblen Sicherheit und minimiert Existenzängste. Mit Hilfe der Organisation erhalten HSP auch ein realistisches Bild, welche Risiken sie eingehen. Ein Tipp: Suchen Sie gezielt den Kontakt zu anderen Selbstständigen (im Idealfall hochsensible Selbstständige) entweder im Freundes- und Bekanntenkreis oder auf Gründertreffen etc. Diese haben den Weg der Selbstständigkeit bereits beschritten und können eine wertvolle Unterstützung sein.

Welche Tipps kannst Du Hochsensiblen mit auf den Weg geben, um dauerhaft erfolgreich in der Selbstständigkeit zu sein?

Sandra Tissot: Nicht nach dem perfekten Timing suchen, denn das gibt es nie. Natürlich finden sich immer Gründe, die auch gegen ein Vorhaben sprechen. Wenn Hochsensible zu lange in diesen Zweifeln verharren, schaffen sie unter Umständen den Sprung in die Selbstständigkeit ebenfalls nie. Mit einer soliden Verbreitung und einer schrittweisen Umsetzung lassen sich übertriebene Ängste in den Griff bekommen. Hier gehört u. a. ein guter Businessplan aber auch die Zusammenarbeit mit einem guten Existenzgründer-Berater dazu. Es gibt mittlerweile sogar welche, die sich auf Hochsensible spezialisiert haben.

Wichtig ist es, sich folgende Tatsache vor Augen zu führen: Die absolute Sicherheit gibt es nicht! Weder im Angestelltenverhältnis noch in der Selbstständigkeit. Wie genau Sicherheit definiert wird und an welchen Stellen sie uns lediglich suggeriert wird, entscheidet jeder für sich selbst. Hochsensible können die berufliche Selbstständigkeit als wertvolle Chance sehen, dass eigene hochsensible Naturell optimal auch im Beruf zu nutzen.

Zu jeder unternehmerischen Tätigkeit gehören auch Rückschläge dazu. Hochsensible nehmen sich diese meist nur mehr zu Herzen. Vertrauen Sie dann auf Ihren Instinkt und auf Ihre feinen Antennen, öffnen sich oft ungeahnte neue Türen. Diese Türen nutzen und hindurchgehen muss jedoch jeder Hochsensible selbst.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Sandra.


HOCHSENSIBILITÄT UND DIE BERUFLICHE SELBSTSTÄNDIGKEIT, Sandra TissotSandra Tissot
sandra-tissot.com
Autorin von „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit Wie sich ein Sensibelchen selbstständig machte und seine Lösung für das hochsensible Berufsleben fand“, ISBN 978-3-9817975-6-5

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