Die Toxizität der Harmoniebedürftigkeit

( Von Saskia F. Elvers)

Harmoniebedürftigkeit – ein Wort, welches viele als eine „gute“ Charaktereigenschaft benutzen. Es liegt ja auch nah, dass dieses Wort positiv ist, denn immerhin steckt das Wort „Harmonie“ drin.

Harmonie steht dafür, dass verschiedene Teile ein ausgeglichenes Verhältnis zueinander haben. Die Energien schwingen wohlwollend und trägen zur Balance bei. Doch „harmoniebedürftig“ beinhaltet auch noch das Wort „Bedürftigkeit“, was dafür steht, dass eine Balance noch nicht vorhanden ist und man gegebenenfalls Hilfe bräuchte. Doch was bringt Menschen nun zu der Meinung, dass Harmoniebedürftigkeit eine „gute“ Charaktereigenschaft ist?

Besonders Hochsensible sind davon betroffen und rechtfertigen sich damit, wenn sie einem Streit oder Konflikt aus dem Weg gegangen sind.

Der Grund dafür ist, dass Menschen – und besonders HSPs – für ihre Harmoniebedürftigkeit gelobt werden. Dass sich dahinter ein Mangelbewusstsein verbirgt wird häufig vom Gegenüber unausgesprochen gelassen – und wieso? Weil derjenige selbst keinen Vorteil mehr daraus ziehen kann, wenn sich dieses Mangelbewusstsein in ein Füllebewusstsein verändert.

Wir leben noch immer in einer Gesellschaft, in der kognitive Fähigkeit mehr Wertigkeit zugesprochen wird als emotionale – obwohl wir mittlerweile schon in einer neuen Entwicklungsphase stecken.

Die Gaben der Hochsensiblen ist mehr denn je gefragt und wird dringend gebraucht.

Das stört selbstverständlich diejenigen, die von einer Machtumkehr wenig profitieren – toxische Menschen. Doch damit jeder HSP seine Gaben tatsächlich wahrhaftig ausleben kann, benötigt es, sich selbst von Toxizität zu befreien, womit nicht nur Narzissten, Psychopathen, Borderliner etc. in der Umgebung gemeint sind, sondern vor allem die in uns steckenden „guten“ Eigenschaften, die sich wie ein Wolf im Schafspelz verkleiden.

Bedürftig zu sein ist nur dann angemessen, wenn man nicht selbstständig sein Überleben sichern kann – z.B. Babys, Verletzte und Kranke, Vernachlässigte, Gefährdete, etc.

In diese Kategorien gehören allerdings die wenigstens Hochsensiblen. Besonders wollen wir auch nicht als Bedürftiger angesehen werden, wenn wir uns hinter dem Mangel an Konfliktfähigkeit verstecken wollen. Wir bekommen von Ratgebern immer wieder zu hören, dass wir unsere Abgrenzung verbessern müssen, doch genau das ist in den seltensten Fällen das Grundproblem von HSPs.

Uns wurde ein Leben lang suggeriert, dass wir „lieb“, „angepasst“ und „brav“ sein sollen, damit wir Harmonie empfangen können. Dabei waren wir diejenigen, die diese Harmonie nicht gleichwertig zurückbekamen. Wir müssen nicht lernen, wie wir unsere Harmonie von anderen fernhalten, sondern ein Selbstwert aufzubauen, mit dem wir unsere Harmonie als Geschenk für andere Menschen erachten, welches der andere auch ausschlagen darf. Dieses Recht steht uns selbst genauso zu.

Hochsensible Menschen sind von Natur aus harmonieorientiert, kompromissbereit, respektvoll und konfliktlösend.

Wir kommen mit einem emotionalen Füllebewusstsein auf die Welt, welches uns häufig in der Kindheit wegerzogen wurde – von Menschen mit toxischen Glaubenssätzen, die es nicht besser wussten. Wir müssen uns nicht abgrenzen, sondern lernen unsere Grenzen klar zu zeigen und zur Not dafür Konsequenzen zu ziehen. Abgrenzung spricht von Distanz und das ist kein Teil von Hochsensiblen. Wir sind die Partei in der Gruppe, die Menschen wieder zusammenführt, weil wir eine natürliche Begabung dafür haben Nähe zu erschaffen.

Wenn wir uns weiterhin selbst mit „Harmoniebedürftigkeit“ unterdrücken und uns einreden lassen, dass es uns an Abgrenzung fehlt, statt die Gabe der Nähe als wertvollstes Gut zu erachten, dann wird es weiterhin für uns eine Welt geben in die wir schwer reinpassen. Es ist Zeit unser antrainiertes Mangelbewusstsein loszulassen. Konflikte mit harmoniebedürftigen Menschen sind auf Dauer destruktiv, weil diese niemals ihre ehrliche Meinung vertreten – aus Angst vor negativer Abwertung. Doch wer sich an eine falsche Bedürftigkeit hängt, wertet sich selbst ab und ist dazu gar nicht bereit mehr Fülle zu empfangen.

Wir können nur eine friedliche Welt erschaffen, wenn diejenigen, die diese Positivität ganz natürlich als Gabe in sich tragen, als besondere Fähigkeit auch im Konflikt zur Schau stellen und nutzen.

Es ist an der Zeit seine eigene „gute“ Toxizität loszulassen, um unsere vorbestimmte Fülle empfangen zu dürfen.


Saskia F. Elvers,
Netzwerkmitglied und Intuition- & Toxic-Coach,
www.eternalspark.de


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Ein Kommentar

  1. Meine Gedanken zum Artikel: Harmonie in Beziehungen brauche ich nicht mehr unbedingt, oft ist es leider nur eine scheinbare, künstlich erschaffene. Mein Gefühl für Stimmigkeit, Klarheit reagiert hier skeptisch oder sogar aggressiv und ich gehe auf Distanz oder Konfrontation; gelte dann natürlich als schwierig und ecke an. Die Leute sind irritiert, sie verteildigen ihre Art zu leben / ihr Harmonieverständnis auf Biegen und Brechen, sie betrachten mich als Störenfried. Dabei sagt mir meine Intuition klar und deutlich, dass etwas nicht stimmt, etwas total außer Balance ist. Dass diese Scheinharmonie nur mit hohem Aufwand und großem Opfer mancher Beteiligter aufrechtzuerhalten ist. Spinne ich mir da was zusammen? Bin ich die einzige, die diese Zusammenhänge erspürt und in der Folge versucht, vorsichtig darauf hinzuweisen oder irgendwie unterschwellig einzugreifen? Was fast immer in Konflikten endet, mit denen ich als HSP nicht gut umgehen kann. Also behalte ich meine Gedanken für mich, unterdrücke Hilfsimpulse, ziehe mich wortlos zurück, reduziere das Zusammensein so weit es geht. Gehe meinen Weg weitgehend alleine, was manchmal traurig stimmt.

    Was mich glücklich macht in Beziehungen: Resonanz, Offenheit, echtes Interesse, Empathie, Respekt, Ermöglichung von gegenseitiger Weiterentwicklung/ von Wachstum.

    Mein persönliches Fazit: EchteHarmonie ist für mich nicht gefühlsduselig und anheimelnd, sondern inspirierend, kraftvoll und zutiefst erfüllend.

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